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Alle Lieder mit einer Vorzeichnung graden Taktes sind nach dem Mass der Zweiteilung zu regeln, ohne dabei den Wort- accent oder den Rhytmus der Melodien in Betracht zu ziehen. Diese rein theoretische, scheinbar melodiezerstörende Mes- sung war aber nur eine für das Auge sichtbare. Bei der Ausführung setzten sich die Sänger über den Taktaccent hinweg, übertrugen auf das Mass der Noten den Wortaccent, gaben damit der Weise ihre Gestalt wie sie im Volke de. kannt war und schufen zugleich in Bezug auf die anderen Stimmen eine coutrastierende Melodie, die,„frei und kräftig als Tonreihe von gan⸗z selbständigem Rbytmus ge- sungen, sich in höchst reizvoller Weise von ihrer Umgebung abhob'*¹ ¹).
Während wir bei den Meistern ein absichtliches Igno- rieren der Betonung der Taktgrenzen feststellten, zeigt die Volksmusik derselben Zeit eine ungemein scharfe Ausprägung des Taktaccents. Dort war die Folge: die Verdrà ängung des einst in alter Zeit geheiligten dreiteiligen Zeitmasses, durch das tempus imperfectum, hier; ein tiefes Verständnis für die Eigenart eines jeden Zeitmasses, das schliesslich zum Takt- wechsel innerhalb eines Liedes führte.
Die Entstehung des Taktwechsels ist wohl auf die Gewohnheit zurückzuführen, jede Textzeile als ein in sich abgeschlossenes Ganzes anzusehen. Um dies dem Ohre auch in der Melodie sinnfällig zu machen gab man dem Takte, in dem die beiden Verszeilen zusammenstiessen(euweilen auch dem unmittelbar darauffolgenden) durch Verlängerung (oder Verkürzung) ein anderes Taktmass. Es ist klar, dass diese Regel für das Volk, das aus dem Gefühl und dem In- stinkt heraus schafft, nur Geltung in ihrer Allgemeinheit, hatte, dass es nicht immer den Weg ging, den theoretische Klügelei ausgedacht. Beispiele mit der consequenten Durch- führung dieses Gesetzes innerhalb des ganzen Liedes sind denn auch selten ²). Viel häufiger lassen sich die Volkslieder an der ungefähren Richtigkeit genügen, bringen den Wechsel nach Gutdünken an und verleihen gerade dann dem Inhalte einer oder mehrerer Textzeilen einen charakteristischen Ausdruck.
¹) v. Liliencron,„Deutsches Leben im Volkslied um 1530“. S. XXIX. ²) Böhme, Altd. Ldb. No. 374.


