V. Zur Geſchichte der Anſtalt.
1. Der Beginn des Schuljahres 1929⸗30 fiel auf Montag den 15. April 1929, der letzte Schul⸗ tag auf Samstag den 5. April 1930.
2. Die Schülerzahl betrug am Ende des vorigen Schuljahres 309. Nach beſtandener Reife⸗ prüfung verließen uns aus der Ober⸗Prima die 34 Abiturienten, außerdem noch 24 Angehörige der übrigen Klaſſen, im ganzen demnach 58 Schüler. Zu den noch zurückgebliebenen 251 traten zu Be⸗ ginn des Schuljahres 59 und im Laufe desſelben 19 hinzu. Die Geſamtzahl belief ſich demnach auf 329. Der Geburtenrückgang während des Krieges machte ſich Oſtern 1929 weiter bemerkbar, nur 28 Sertaner wurden eingeſchult, darunter 4 mit Zjährigem Grundſchulbeſuch. In die Oberklaſſen traten andererſeits wieder eine ganze Reihe von Schülern ein, die zum Teil ſchon mehrere Jahre in einem praktiſchen Beruf tätig waren und der Schwierigkeit des Fortkommens durch Erweiterung ihrer Schulbildung begegnen wollten.
3. Der verbindliche Unterricht wurde nach dem neuen amtlichen Lehrplan erteilt. An wahlfreiem Unterricht waren eingerichtet je 1 Stunde Kurzſchrift in IIIb, IIla, IIb und Ila, je 3 Stunden Latein in IIb, Ila, Ib und la nach dem Lehrplan für Oberrealſchulen und je 2 Stunden in Ib und IIb nach dem Lehrplan für Realgymnaſien. Der realgymnaſiale Lehrgang der Ib wird im kommenden Schul⸗ jahr zu Ende geführt, derjenige der IIb dagegen abgebrochen. Vergleiche hiermit die Mitteilung VI, 7.
4. Perſonalangelegenheiten. Das neue Schulſahr brachte einen Wechſel in der Leitung der Anſtalt. Nach faſt 25jähriger Tätigkeit an der Spitze der höheren Schule Grünbergs wurde der Oberſtudiendirektor Wilhelm Angelberger in gleicher Eigenſchaft an das Realgymnaſium Gie⸗ ßen verſetzt. Ein Ereignis von tiefgehender Bedeutung für Schule, Stadt und nicht zuletzt für den Scheidenden ſelbſt, ein Ereignis, deſſen Nachwirkungen ſich noch lange geltend machen werden. Reiche Gaben des Geiſtes, großes pädagogiſches Geſchick, ausgeſprochene Freude am Richten und Schlichten, außergewöhnliche Umſicht und Tatkraft, zähes Wollen und Streben befähigten ihn zum vorbildlichen Lehrer und Schulleiter, zur mitgeſtaltenden Perſönlichkeit des öffentlichen Lebens.
Es wird den Lehrern und Schülern der Anſtalt aus Vergangenheit und Gegenwart und den vielen ſonſtigen Freunden der Schule wohl nicht unerwünſcht ſein, wenn der diesjährige Jahresbericht neben dem Bild des mit der Grünberger Schule nahezu untrennbar verwachſenen Direktors Angelberger ſtichwortartig noch einmal die Entwicklung, die die heutige Oberrealſchule unter ſeiner Führung ge⸗ nommen hat, vor Augen ſtellt.
Wilhelm Angelberger wurde am 20. Oktober 1879 in Wimpfen am Neckar geboren. Die Reife⸗ prüfung legte er Oſtern 1898 am Realgymnaſium Darmſtadt, die Staatsprüfung im Frühjahr 1902 an der Univerſität Gießen ab. Zum Vorbereitungsdienſt kehrte er an das Realgymnaſium Darmſtadt zurück, wo er bald mit der Verwaltung einer Lehrerſtelle— von Herbſt 1902 bis Herbſt 1904— betraut wurde. Vom 1. Oktober 1904 bis 30. September 1905 genügte er ſeiner einjährigen Militär⸗ dienſtpflicht beim Feldartillerie⸗Regiment 61 in Darmſtadt. Beim gleichen Regiment wurde er ſpäter nach Ableiſtung der erforderlichen Uebungen zum Leutnant der Reſerve befördert. Mit Kriegsaus⸗ bruch eilte er zu ſeinem Truppenteil, ſtand bis Kriegsende unter den Waffen, nahm an einer Reihe ſchwerer Schlachten im Weſten teil und kam nach Kriegsende mit dem Eiſernen Kreuz 1. Klaſſe und anderen Kriegsauszeichnungen als Hauptmann der Reſerve nach Grünberg zurück.
Nach Abſchluß ſeines Einjährigen⸗Jahres wurde er durch Verfügung des Miniſteriums des Innern Abteilung für Schulangelegenheiten vom 1. Oktober 1905 als Aſſeſſor zum Lehrer und Leiter der Höheren Bürgerſchule in Grünberg ernannt, die bei ſeinem Amtsantritt 3 ordentliche Lehrer, 3 Hilfslehrer und 53 Schüler in 4 Klaſſen(Quinta bis Ober⸗Tertia) zählte. Zugleich mit der end⸗ gültigen Anſtellung wurde der Leiter am 1. April 1906 zum Rektor ernannt. Ebenfalls Oſtern 1906 wurde die Serta mit 19 Schülern angegliedert, die Schule umfaßte damit 5 Klaſſen, 81 Schüler bei ungeänderter Lehrerzahl. Die Schülerzahl wuchs, behelfsmäßig eingerichtete Klaſſenkombinatio⸗ nen erwieſen ſich als untragbar, darum beſchloß der Gemeinderat im November 1909, der höheren Bürgerſchule ein eigenes Heim zu ſchaffen. Im September 1911 ſiedelte die Schule mit 6 Klaſſen, 7 ordentlichen Lehrern, 3 Hilfslehrern und 128 Schülern über.
Der ſtattliche Neubau in der Schulſtraße gab auch die räumliche Möglichkeit, ein Ziel zu erreichen, dem ſchon Jahre hindurch alle Anſtrengungen gegolten hatten: die Einrichtung der Unter⸗Sekunda. Für Oſtern 1911 wurde die behördliche Erlaubnis erteilt, die Höhere Bürgerſchule Grünberg rückte damit in die Zahl der militärberechtigten Lehranſtalten ein. Den tatſächlichen Verhältniſſen trug die nachfolgende Namensänderung Rechnung. Ab Oſtern 1914 hieß die Anſtalt Realſchule, der ſeit⸗ herige Rektor wurde mit Wirkung vom 11. März 1916 zum Direktor ernannt. Der Weltkrieg hemmte wohl die Weiterentwicklung, ohne jedoch den Willen dazu erſticken zu können, zumal der große Andrang zu den höheren Lehranſtalten allgemein und zur Grünberger Realſchule im beſonderen den Ausbau geradezu
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