Jahrgang 
1904
Einzelbild herunterladen

nAB

D3

.

Jahre mit ſeiner Familie und ſeiner alten Mutter, die nach ſeinem Tode wieder in ihre thüringiſche Heimat zurückkehrte. Ich ſelbſt ging zuerſt bis Mitte September nach Bad Kreuth zur Erholung meiner Geſundheit, die durch ſtarke Verkürzung des Schlafes in Folge meiner ſehr anſtrengenden techniſchen Verſuche in großem Maßſtab äußerſt gelitten hatte. Nach meiner Rückkehr von dort kam das Abkommen mit einer großen Induſtriefirma zum Abſchluß, das meine Ueberſiedelung nach Köln mit Anfang 1872 forderte.

So hatten die Kämpfe um die Herrſchaft in der Privatſchule durch eine ſchwache Charakterſeite eines ſonſt ganz tüchtigen Lehrers ihr Ende erreicht, indem der Schlußakt der Minorität den Sieg lautlos in den Schoß legte. Dieſe Kämpfe bilden ein ſo eigentümliches, manchmal recht peinliches Kulturbild, daß ſich unwillkürlich die Frage aufdrängt: Dürften ſie ſich wohl heute, wo ein ganzes Menſchenalter darüber hingegangen iſt, in ähnlicher Schärfe und Willkür wiederholen? Der Knabe vom Jahre 1848 hat in dieſem Menſchenalter ſeine kühnſten Träume von perſönlicher Freiheit, die er höchſtens den Epigonen der Mitte des zwanzigſten Jahrhunderts beſchieden glaubte, weit überflügeln ſehen. Nimmt er hierzu noch das Wort, das auf dem letzten Anthropologen⸗Kongreß in ſeiner Geburtsſtadt Worms, an dem auch der Großherzog von Heſſen täglich teilnahm, Prof. Waldeyer uns Teilnehmern zurief:Bleiben wir uns bewußt, indem wir hier tagen, daß wir uns hier im Lande der Geiſtes freiheit befinden! ſo vermag er ſich der Ueberzeugung nicht zu erwehren, daß wir heute ſchon recht weit nach Oſten gehen müßten, etwa nach dem Serben- oder Bulgarenlande oder zu unſeren Freunden vom Goldenen Horn, um einen Vali geſetzliche Beſtimmungen nicht nur zu dem gebrauchen zu ſehen, zu dem ſie gemacht ſind, ſondern zu allem, wozu ſie ſich gebrauchen laſſen, oder um einen Popen ohne jedes Bedenken der Schicklichkeit einen Lehrer vor dem Publikum herunterkanzeln zu hören.

Mögen meine Nachfolger der günſtigern Verhältniſſe, unter denen ſie wirken und die uns verſagt waren, ſtets eingedenk bleiben! Mir bleibt ein anderer Troſt: Daß alle jene bitteren und peinlichen Erlebniſſe nicht den leicht eintretenden Erfolg hatten, mich zu entmutigen und mich von dem mit eiſernem Willen verfolgten Ziele abzudrängen; ja, daß ſie nicht einmal im ſtande waren, die Erinnerungen an die Gerauer Zeiten zu verderben, die faſt täglich wieder auftauchen, wenn ich meine wiſſenſchaftlichen Notizen aus jener Zeit benutze. Drum ſind auch die Umriſſe der vorſtehenden Bilder aus jener fernen Zeit noch wenig verwiſcht. Sie werden aber nur wenigen noch ſchwindende Erinnerungen auffriſchen, da faſt alle daran Beteiligten das Feld jener Kämpfe für immer verlaſſen haben.

Das heutige Gedeihen der Nachfolgerin der ehemaligen Privatrealſchule und ihren wachſenden Zuſpruch darf ich wohl als Maßſtab betrachten für das heutige größere Bedürfnis der Gerauer Bevölkerung nach tüchtiger Schulbildung. Sollte meine Wirkſamkeit an der Privatrealſchule zu dieſem Bedürfnis beigetragen haben, ſo liegt darin ein weiterer Grund für mich, an jene eigentümlichen Zeitverhältniſſe nicht mit Bitterkeit, ſondern vielmehr mit Befriedigung zurückzudenken.

Frankfurt im März 1904. Ernſt Franck.

,

S