Jahrgang 
1904
Einzelbild herunterladen

führend auf der erwähnten Stelle, wo er die merkwürdige Aeußerung zu hören bekam, man könne nicht alle Akten im Kopf behalten, er möge den Gnadenweg beſchreiten. Dieſen Rat beantwortete der Vater mit der Erklärung:Das habe ich nicht nötig, ich habe bereits den Klageweg betreten.

Ungefähr zur gleichen Zeit wurde der Bürgermeiſter veranlaßt, vom Privatſchulverein einen alten Schrank und einige unbrauchbare Antiquitäten von Apparaten zurückzufordern, von denen man vermutete, daß die Stadt ein Eigentumsrecht daran habe. Auch bei mir glaubte man nochmals einen Druck verſuchen zu dürfen. Küchler teilte mir eines Tags mit, daß die Ober eſtudiendirektion ſich über mich eihindicie⸗ weil ſie aufmerkſa m gemacht worden ſei, daß bei mir jeder Befähigungsnachweis fehle. Ich hatte jedoch in 9 Jahren ſo viele Schüler für die verſchiedenſten Anſtalten Darmſtadts vorbereitet, die alle bis auf zwei, welche meinen 4jährigen Kurſus nur teilweiſe durchlaufen hatten, zu den beſſeren oder beſten Schülern jener Anſtalten gehörten, daß es geradezu lächerlich geweſen wäre, noch einen anderen Nachweis der Befähigung zu fordern. Ich hörte d dann auch nichts mehr davon, da Küchler das weitere beſorgte.

Meine Beſorgnis bezüglich Hertels wuchs nun ſehr raſch, da ſich die Anzeigen von Gerdceregeſiherten mehrten, deren Tragweite Küchler ſtets glaubte unbeachtet laſſen zu können. Auch der eine oder der andere Bürger, der viel in Mainz zu verkehren hatte, deutete eigentümliche Beobachtungen an, die Mitte Sommer 1871 ganz plötzlich ihre Aufklärung fanden, als der Bevöl lkerung bekannt wurde, daß Hertel ſchon ſeit mehr als Jahresfriſt verheiratet war. Da die Verbindung, in die ihn die Verhältniſſe nach und nach hineingedrängt hatten, weder ſeiner Stellung noch ſeiner Bildung entſprach, ſo daß ſie ihn den Verluſt ſeiner Stellung befürchten laſſen mußte, hielt er ſie geheim, bis die Not den Schleier lüftete. Seine Frau erſchien mit ihren Kindern aller Mittel entblöſt in ſeiner T bhi Hertel, der dieſen wohl ſchon oft hinausgeſchobenen Schritt nicht mehr abwenden konnte, hatte Urlaub genommen, und als er am Abend zurückkehrend ſeine Familie traf, war ſein Schickſal und mit ihm dasjenige der Privatrealſchule ent ſchieden. Waren dieſe unglückſeligen Verhältniſſe, vor denen ſich Hertel nicht zu bewahren vermochte, auch kein Verbrechen, ſo durfte ſie die Be völkerung dem Lehrer und Erzieher nicht weniger übel nehmen. Iör Eindruck war denn auch ein äußerſt peinlicher und um ſo deprimierender, je offener man für ihn Stellung genommen hatte. Dennoch gab es noch viele, welche den bedauerlichen Söbritt als die Handlung eines ehrlichen Mannes aufgefaßt haben wollten. Die Mel hrzahl der Bewohner jedoch und ganz beſonders ſämtliche Beamten ſtellten die praktiſche Moral in den Vordergrund und verimnb ein ſolches Verhalten bedingungslos, ſchon allein wegen des Eindrucks auf die Schüler der Privatſchule. Daran konnte auch die Anerkennung ſeiner immer gleichbleibenden Leiſtungen und günſtigen Unterrichtserfolge nichts ändern.

Die Regierung ergriff nun die günſtige Gelegenheit, eine Umgeſtaltung der Schule in Fluß zu bringen, wie Hertel und ich ſie ſchon lange als zeitgemäß erachtet hatten. So wurde den Lehrern auf den 1. Aug. 1871 gekündigt. Kurz ging in ſeine Heimat nach Bayern zurück. Hertel nahm eine Stelle als Sprachlehrer in Gau-Algesheim an, die er ſehr bald mit einer ſolchen in Guntersblum vertauſchte. Dort lebte er noch wenige

6 79d