Jahrgang 
1904
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betrachteten es als ganz ſelbſtverſtändlich, daß man eine Einrichtung, an deren Spitze man geſtellt war, möglichſt auch für ſich ausnutzen dürfe; wofür wäre man denn ſonſt Vorſtandsmitglied. Auch in dieſer Richtung fand die obenerwähnte Partei in mir einen Lehrer von wenig Geherſam.

Zwei Väter des Schulvorſtandes ſtellten eines Tages an mich das Anſinnen, ihren Kindern Separatunterricht zu erteilen, dem einen in Geo⸗ metrie, dem anderen im Engliſchen und zwar unter entſprechender Ver⸗ kürzung der Zeit für den ſchulplanmäßigen Unterricht, damit diejenige für den Separatunterricht gewonnen werde. Dem ſtellte ich entgegen, daß bei dem überaus weitgehenden Ziel des Lehrplanes die Unterrichtszeit der ein zelnen Fächer eigentlich ſchon zu kurz bemeſſen ſei und eine weitere Kürzung unmöglich mache, weshalb ich mich ohne weitere Vergütung ſchon zu 32 Stunden ſtatt 28 entſchließen mußte. Außerdem verſtoße ſolches gegen die Statuten, die ich durch Unterſchrift anerkennen mußte. Da erhielt ich nun in leidenſchaftlichem Tone die Antwort:Was brauchen wir nach den Statuten zu fragen, wenn ſie uns nicht paſſen! Wir ſind eine Pri vatſchule und können tun, was uns gefällt. Auf meine kühle Entgegnung: Gewiß, wenn es die Generalverſammlung beſchließt, erreichte die Erregung des Antragſtellers ihren Höhepunkt, und von nun an war ich ein unbrauch⸗ barer Lehrer, der aber leider weder in ſeinem ſittlichen Verhalten, noch

Familien, denen dieſes Mißgeſchick paſſiert war, und von denen auch ich ſchon gehört hatte, daß ein düſterer Schatten auf ihrem Namen ruhte, ſo daß ihnen viele Einwohner aus dem Wege gingen. Niemand wußte aber eine poſitive Belaſtung vorzubringen. Auch einzelne meiner Mitſchüler kannten dieſen Schatten und auf die Frage, was jene Leute wohl verbrochen hätten, machte der eine oder der andere Geſten des Schweren und Entſetzliichen, wie er ſie jedenfalls zu Hauſe in Verbindung mit jenen Namen geſehen Hatte⸗ und ſagte die rechte Hand neben den Mund haltend ganz leiſe: Hausſuchung.

Als dann ſehr bald die Vol lrbdwaffundg ſich v vor unſeren Knabenaugen ent⸗ wickelte mit ihren ſtattlichen Schützenregimentern und ihren einexerzierten Senſen kompagnien, nach deren Meinung die Kavallerie nunmehr ihre Rolle ausgeſpielt habe, weil der ſeitliche Haken an der geradeausſtehenden Senſe den Reiter un⸗ fehlbar vom Pferde reiße, da waren wir überzeugt, daß nunmehr die Abſtellung aller Klagen erzwungen werde Heimelte uns doch das bewegte Bild ganz ge⸗ waltig an! Blieſen doch die Flintenmänner die Backen unter ihrer Kokarden⸗ mütze geradeſo ſelbſtbewußt auf wie wir die unſrigen unter unſeren Papierdüten, wenn wir mit unſeren Holzflinten aufmarſchierten! Und drehten doch die Senſenmänner ihre Ellenbogen genau ſo ſtolz nach vorn wie wir mit unſeren Holzſchwertern und Lanzen! Von ſolchen Heldenakollegen durften wir mindeſtens das Gleiche erwarten, das wir uns zutrauten, und von uns waren wir über⸗ zeugt daß wir den Lindewurm nicht ſo lange hätten die Gegend unſicher machen kaſſen, wie zu Zeiten der Nibelungen, bis endlich ein anderer Wormſer Junge, Siegfried, ihm ſein Schwert in die Flanke ſtieß.

Wie erſtaunten wir aber, als wir einige Zeit ſpäter die tapferen Flintenmänner verſtört und in Angſt heimeilen und nicht nur ihre Flinten ſondern vielfach aucht ſich ſelbſt verſtecken ſahen! Das deutſche Volk hatte den Heldentraum ſeiner Knabenzeit ſchneller ausgeſpielt, wir wir den unſeren, und ſo kehrte der ganze Troß perſönlicher Gewalt und Willkür als Reaktion wieder zurück Eine nur befand ſich nicht darunter: die moraliſch vernichtende Hausſuchung. Die Oeffent⸗ lichkeit und ihre Führerin, die Preſſe, hatte ſie wirkungslos gemacht und damit für immer hinweggefegt. Leider hatten dieſe heilſamen ſozialen Faktoren nicht den gleichen prompten Einfluß auf den egoiſtiſchen Mißbrauch der Stellung ſo daß die Beſſerung nur mit den Generationen voranſchreitet. Wir dürfen uns daher auch nicht allzuſehr wundern, wenn man noch in den 60er Jahren glaubte, von der Ausnutzung ſeiner Stellung nicht viel Hehl machen zu müſſen, wie in dem oben geſchilderten Fall.

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