Jahrgang 
1904
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Schon als Gottſchild noch lebte, hörten wir nicht ſelten von dem nötigenGehorſam der Lehrer reden. Dieſen hatten wir dadurch ſchwer verletzt, daß wir uns bei dem Vorſitzenden energiſch beſchwerten, weil Vorſtandsmitglieder ſich erlaubten, unſeren Unterricht während des Beiwohnens, gegen das wir nie etwas einzuwenden hatten, vor den Schülern zu tadeln und zu korrigieren. Daß Gehorſam die Hauptſache bilde und Rückſichten auf die Erziehung erſt in zweite Linie zu ſetzen ſeien, das mußten wir auf einem Begräbnis erfahren, wo Gottſchild und ich vor ſämtlichen Leidtragenden und der geſamten Schuljugend heruntergekanzelt wurden, weil irgend etwas, das man uns nicht präzis genug mitgeteilt hatte, nicht recht klappte. Natürlich beſchwerten wir uns auch hierüber bei dem Vorſtand, der zur Mehrzahl unſerer Anſicht war, aber nichts erreichte, als daß die betreffende Perſon in Bezug auf jene pädagogiſche Taktloſigkeit die Anſicht aufrecht erhielt, vermöge ihres Amtes dazu berechtigt zu ſein.

Auch meine Strenge in der Disziplin außerhalb der Schule gab einzelnen Vätern gewaltigen Anſtoß, weil ich nicht ruhte, bis nach mehr als Jahresfriſt die vielfachen Rohheiten und Sachbeſchädigungen, Fenſter⸗ einwerfen, Kornfelderdurchquerungen, Heimſuchungen von Obſtbäumen und Hühnerſtällen, deren ſich ganz vereinzelte Schüler ſchuldig machten, und in die ſich auch ſchon die Behörde ſtrafend einmiſchen mußte, ein Ende genommen hatten. Da man ſich hiervon in allen Wirtshäuſern unterhielt und da den Schülern der Privatſchule zur ernſteſten Pflicht gemacht war, ſelbſt mitzuwirken, daß ſolche die Ehre und den guten Ruf der Anſtalt ſchädigende Dinge ferngehalten wurden, ſo war es ganz ausgeſchloſſen, ſolche Zuchtloſigkeiten, die mir mein Wirken an der Anſtalt ſehr verbitterten, heimlich abzumachen und zu vertuſchen. Als Lehrer glaubte ich, zur Aberziehung

dieſes Mangels an Zucht im Hauſe um ſo mehr Veranlaſſung zu haben, je ernſter er den Vater in ſeinem Amte kompromittieren mußte. Tatſächlich wurde denn auch dieſes Ziel ſo weit gepackt, daß wenigſtens die ſtrafrechtlichen Sachen wegfielen und nur noch grobe Unarten übrig blieben, bei denen der Ruf der Anſtalt noch einigermaßen beſtehen konnte.

Leute, wie unſere Vorfahren, welche in der erſten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ihre jugendlichen Rechtseindrücke empfingen, wo der ſchranken⸗

loſe Gebrauch der perſönlichen Macht etwas ganz Gewöhnliches war'),

*) Von jenen ſozialen Zuſtänden können wir uns kaum mehr eine zutref⸗ fende Vorſtellung machen. Als die Bewegung des Jahres 1848 im Herannahen war, ſchwierten deren Schlagworte auch durch unſere Knabenreihen. Wie er⸗ ſchrack aber mein Vater, als er mich das Wort Republik ausſprechen hörte! Sofort verbot er mir den Gebrauch des Wortes ganz beſonders außer dem Hauſe oder bei meinen Geſpielen, indem er zufügte:Hört man das Wort von Dir, ſo ſchließt man daraus, daß Du das Wort von mir öfter zu hören bekommſt, und daß ich zur Republik hinſtrebe. Alsdann bekommen wir bei der nächſten Einquartierung nicht einen Mann, wie gewöhnlich, ſondern zehn und zwanzig, und das koſtet mich viel Geld Er nannte mir dann einige Leute, die man mit dieſer für die damaligen knappen Verhältniſſe ſchweren Verwaltungs⸗ ſtrafe belegt hatteOder fuhr mein Vater fort,wenn man mich noch ſchwerer ſtrafen will, weil ein Polizeimann, dem ich unvorſichtig einmal auf den Fuß trat, oder dem ich etwas abſchlug, gegen mich ſchürt, ſo ſucht man mich unter irgend einem beliebigen Vorwand mit einer Hausſuchung heim und dann bin ich vernichtet, weil alle Welt glaubt, daß ein geheim gehaltenes Verbrechen vorliege. Er erläuterte dann noch die oſtentative Art jener willkürlichen Haus⸗ ſuchung, da mir das Wort gänzlich unbekannt war und nannte zugleich zwei

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