Erſcheinungen, die auch das Queckſilberſeismometer bekundete. Dennoch blieben Zweifel, da mirs trotz ſtundenlangem Sitzen und Lauern vor dem Seismometer niemals gelang, eine ſolche geräuſchloſe Erdwelle zu ertappen. Erſt nach dem Schluß aller hörbaren Erſcheinungen zu Beginn des Jahres 1872 gelang dies an einem Tage reichlich, indem von 11*3 bis 16 Uhr das Seismometer vor meinen Augen 34 Bewegungen anzeigte, von denen weder ich noch ſonſt jemand etwas fühlte oder hörte. Trotz dieſer wichtigen Beobachtung ſchien mir noch nicht aller Zweifel hinreichend beſeitigt, um dieſe Erſcheinungen der Oeffentlichkeit übergeben zu können, und ſo blieb der Inhalt meines Tagebuches unveröffentlicht. Ich hoffte, ſpäter mit verbeſſerten oder ganz anderen Apparaten volle Sicherheit gewinnen zu können, doch fehlte mir hierzu leider die Zeit. Bald darauf wurden jedoch dieſe geräuſchloſen Erdwellen auch von den Erdbebenſtationen zu Straßburg und Potsdam mit Hilfe des neu erfundenen, höchſt empfindlichen Horizontal⸗ pendels entdeckt, ohne bis jetzt hinreichend erklärt zu ſein.
Ganz großartiges Intereſſe für die Sache fand ich im Mai 1870 auch an einer anderen Stelle der Praxis, bei dem Geodäten des Groß⸗ herzogtums, Geh. Rat Hügel. Da das Erdbeben nur als ſog. tektoniſches aufgefaßt werden konnte, als Brechen oder Reißen von Geſteinsſchichten in der Tiefe infolge nicht mehr ausreichender Unterſtützung oder Spannung 6z. B. durch Mineralquellenauswaſchung) oder auch infolge Seitenſchubs, ſo war eine Niveauveränderung nicht unwahrſcheinlich. Ich wollte nun Herrn Hügel veranlaſſen, bei einer etwaigen Wiederholung des Nivellements zwiſchen Darmſtadt und Mainz auf dieſe Möglichkeit Rückſicht zu nehmen. Der Herr faßte die Frage aber mit ſolchem Intereſſe auf, daß er das Nivellement ſchon einige Wochen ſpäter im Juni 1871 ſpeziell für meinen Zweck wiederholen ließ. Es zeigte ſich jedoch keine Differenz mit dem ein oder zwei Jahre früher ausgeführten, ſo daß damals eine Senkung noch nicht vorhanden war. Herr Hügel machte mir auch ſofort den Vor— ſchlag, ein Seismometer in ſeinem Inſtitut in Darmſtadt zur Aufſtellung zu bringen, wie ſie von mir in Bensheim, Worms und Biblis aufgeſtellt worden waren und längere Zeit beobachtet wurden. Die Beobachtungen und Regiſtrierungen beſorgte während neun Monaten der Verwalter des Kataſteramtes, dem auch die meteorologiſchen Beobachtungen oblagen.
Zur Erforſchung der Bewegungen der Erdoberfläche organiſiert man ſoeben ein großes Beobachtungsnetz, vielfach in Verbindung mit den Stern⸗ warten, und erſt eine lange Arbeit dieſer Inſtitute wird im ſtande ſein, die zahlreichen Fragen, vor denen wir ſtehen, zu beantworten.
Für die Schüler der Privatrealſchule bleibt die Groß-Gerauer Er— ſcheinung ungeachtet ihrer Schrecken eine denkwürdige Erinnerung, die erſt eine volle Vorſtellung von den Erdbebenſchrecken anderer Länder ermöglicht, welche die Zeitungen ſo häufig bringen.
7) Der deutſch⸗franzöſiſche Krieg 1870— 71.
Die letzten zwei Drittel der Erdbebenperiode wurden gänzlich überdeckt von dem endlichen Abrechnungskampf mit dem galliſchen Nachbar. Direkt wurde jedoch Groß-Gerau von demſelben weſentlich weniger berührt als im Jahre 1866, da die Truppentransporte ſtets auf der Bahn vorbeizogen und höchſtens nur Material- und Fouragetransporte durch Zugſtauungen


