Jahrgang 
1904
Einzelbild herunterladen

wie Groß⸗Gerau den ſeinen. Auch dort folgten jetzt eine Menge kleinerer Beben mit zahlreichen Rollen, bis die Erſcheinung im Juli 1871 gänzlich zu Ende ging.

Mein Tagebuch enthält nur allein in den erſten 10 Wochen bis Ende Dezember 1350 zeitlich feſtliegende Erſcheinungen, in den 12 Monaten des Jahres 1870 nur noch 5 500 und in den letzten 7 Monaten bis Juli 1871 nur noch ca. 150, ſo daß im ganzen von mir 2000 Erſcheinungen feſtgelegt wurden, während noch 500 1000 Rollen ꝛc. beſonders morgens von 25 Uhr überhört worden ſein dürften. Das Zuſammentragen dieſer ausführlichen, ziemlich lückenloſen Reihe war nur allein durch die ver ſtändige Unterſtützung meiner Schüler möglich. Schon nach wenigen Tagen hatten ſie erfaßt, worauf es ankam, und brachten mir gut brauchbare Berichte von Beobachtungen anderer Leute, aus deren übertreibendem Geſchwatz ſie durch Fragen das Wertvolle ſo präz is herauszuſchälen wußten, daß ichs ſelbſt nicht hätte beſſer machen können. Mein Tagebuch enthält daher eine Menge der prächtigſten Konſtatierungen mit den Namen der berichtenden Schüler oder Bewohner von Groß⸗Gerau, von denen allerdings ſchon viele zur uigſen Ruhe gegangen ſind.

Da ſich die längere Dauer der Erſcheinung ſicher vorausſehen ließ, glaubte ich dieſen bis jetzt ſo ſeltenen Fall einer großen Erdbebenperiode in einer hochkul Fewienten Gegend nicht verſäumen zu dürfen, um ein ſyſtematiſches Obſervatorium zu organiſieren. Ich hatte daher auch ſofort nach den erſten bedeutenden Beben Queckſilber-Seismometer von Dreher Klink anfertigen laſſen, die nach und nach korrigiert auch einen zeiwiſſen Dienſt taten, erſtaunlicher Weiſe aber in ganz anderen Reſultaten, als ſich vorausſehen ließ. Die meiſten ſchon recht kräftigen Stöße und Erſchütterungen wurden nämlich von den Apparaten nicht angezeigt, wogegen täglich eine ganze Reihe von Bewegungen angegeben wurden, von denen weder ich noch ſonſt jemand etwas wahrgenommen hatte. Es mußten alſo noch andere Wege verſucht werden, um dieſe Rätſel aufzuklären. Vielleicht ließ ſich die mir zunächſt liegende Wiſſenſchaftsſtelle dafür intereſſieren. Da kam ich aber ſchön an. Zur Klärung der Sachlage fragte man mich, wie ich denn auf die Idee käme, daß die dortigen Meß⸗ und Beobach tungs⸗ Inſtrumente zum Meſſen und Beobachten da ſeien. Die ſeien zum Unterrichten. Zum Beobachten müßte ich mir welche anfertigen laſſen.

So dachte ich denn, vielleicht hat die Praxis mehr Intereſſe als die Wiſſenſchaft und wandte mich an die Oberleitung des Maſchinenweſens der Heſſ. Ludwigsbahn, an Obermaſchinenmeiſter Thomas in Mainz. Hier fand ich denn auch in grellem Gegenſatz zu jener Wiſ ſenſchaftsſtelle das allergrößte Intereſſe und Entgegenkommen. Meine Erwähnung der Palmieri'ſchen Spiralapparate auf dem Veſuv, die mir der Geologe Ludwig beſchrieben hatte, faßte dieſer Herr ſofort mit größtem Eifer auf, indem er meinte, ein ſolcher Apparat laſſe ſich ganz leicht mit Hilfe eines Morſetelegraphen zuſammenſtellen, und ſchon nach zwei Tagen wurde ein ſolcher in meiner Wohnung aufgeſtellt. Obgleich derſelbe zei Monate funktionierte, vermochte er doch die beſtehenden Rätſel nicht zu löſen, da auch er nicht immer regiſtrierte, wo man es erwarten mußte. Ebenſowenig löſte ſie ein 85 Kilo ſchweres Pendel, das vermittelſt eines Stahldrahtes an der Decke meines Zimmers aufgehängt war und die Bewegung 20mal vergrößert anzeigte, doch regiſtrierte es einige wenige der geräuſchloſen

671

S=