Jahrgang 
1904
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wagend. Alle waren ebenſo wie meine Tiſchgenoſſen und die übrigen Gäſte der Krone durch den Schreck ſo ſehr gelähmt, daß ſie ſich nicht von der Stelle bewegen konnten, bis die Erſcheinung zu Ende ging. Als ich dann wieder in den Saal eilte und meiner Geſellſchaft Vorhalt machte, daß ſie mir nicht gefolgt ſei, bekam ich zur Antwort: Das iſt leichter geſagt wie getan. Wir begreifen nicht, wie Sie ſo laufen konnten, als ob nichts paſſiert ſei. Wir begaben uns nun gleichfalls auf die Straße, wo die Bewohner bereits anfingen, ſich mit den Kindern und Kranken ſo einzurichten, daß dieſelben gegen die kalte Nordluft geſchützt waren. Mit vorrückender Stunde ſuchten ſich dann auch die Alten auf dem Straßenpflaſter durch Bretter, Schutzwände und Bettſtücke ſo weit als tunlich ein Lager zu be reiten. Ein Teil meiner Geſellſchaft verſuchte die verſchiedenſten Wege, um ungefährlichen Windſchutz zu finden, darunter auch in leeren Güterwaggons im Bahnhof; doch machte der ungenügende Verſchluß gegen den ſtarken Wind und das Fehlen jeder Unterlage beſonders gegen den Staubſchmutz die Benutzung unmöglich. So kehrten wir um 1 Uhr in die Stadt zurück, wo alle Einwohner noch auf der Straße kampierten. Erſt gegen 2 Uhr trieb die Kälte die Mehrzahl in die Häuſer, dennoch befanden ſich um 2 ½ Uhr noch einige Hundert auf der Straße, als Kreisarzt Dr. Münch mich mit einem anderen Herrn einlud, in ſeinem mitten im Hofe ſtehenden Landauer die Nacht mit ihm zu verbringen. Seine Familie hatte ſich mit den Damen und Kindern einer anderen mit Zeltdecken und Bettteilen in der vorn offenen Remiſe eingerichtet. So ſaßen wir in dem Wagen im Halbſchlaf bis 3¹s, wo wieder ein gewaltiger Schlag ertönte, der ſchnell beranrollend unter dem Wagen durchlief, ihn einmal hin und her ſchaukelnd, bis er in der Ferne verrollte. Dabei fielen von einem Schornſteine des Nachbarhauſes mehrere Backſteine polternd über das Dach zur Erde. Die Beſorgnis erwachte damit aufs Neue, doch folgten bis zum Morgen nur noch kleine Stöße und Rollen, deren ſich in jenen Tagen über 1060 täglich meldeten. Am andern Morgen zeigten ſich zwar zahlloſe Sprünge in Decken und Wänden, doch wurden die eigentlichen Zerſtörungen nur von den herabgeſtürzten Kaminen gebildet.

Zwei Tage nach dieſer Schreckensnacht meldete ſich bei mir ein Herr, der ein Reiſebarometer über die Schulter trug und die Wirkungen des Bebens von mir gezeigt haben wollte. Es war Dr. Neumayer aus Frankenthal, der ſpätere Schöpfer der Deutſchen Seewarte, der vor zwei Jahren in den Ruheſtand trat und jetzt in Neuſtadt a. d. H. ſeinen Wohnſitz nahm.)

Mit dem geſchilderten Hauptſtoß hatte die Erſcheinung ihren Höhe⸗ punkt überſchritten, ſo daß nur noch gefahrloſe Beben folgten, welche die Bevölkerung zu beurteilen verſtand, trotzdem die Beſorgnis niemals ganz ruhte. Erſt%¼ Jahre ſpäter, am 10. Februar 1871, meldete ſich nochmals eine große Erſchütterung morgens 522, jedoch von ſo wenig ſchroffwiegendem Charakter, daß man ſofort ihre Ungefährlichkeit und ihr Herkommen aus der Entfernung erkannte. Es hatte ſich in Auerbach a. d. B. ein neues Zentrum gebildet, das dieſen Hauptſtoß nicht ganz ſo ſchreckhaft empfand, *) Als ich auf dem letzten Anthropologen⸗Kongreß den über 80 Jahre alten, aber noch voll geiſtesfriſchen Herrn wieder traf und unſere damalige Be⸗ gegnung erwähnte, erinnerte er ſich derſelben ſofort wieder, indem er ſagte: O ja, das war im Jahre 1869.

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