Jahrgang 
1904
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begegnet war, und die ich kaum ſo weitgehend für möglich gehalten hätte! Sein ganzer Lebensgang, ſowie die intelligente und konſequente Durchführung ſeiner wiſſenſchaftlichen und techniſchen Beſtrebungen ließen keinen Zweifel darüber, daß nicht die Ethik des guten Willens, ſondern nur diejenige der Tat deren Baſis bildete, wie er ſie in der Privatrealſchule ſtets üben ſah, und auf die ſich auch die organiſatoriſchen Leiſtungen ſeines begabten Bruders in Groß⸗Gerau ſtützten.

Wiederum 4—5 Jahre ſpäter redete mich in einem hieſigen Re⸗ ſtaurant, das ich nach einer wiſſenſchaftlichen Sitzung beſuchte, ein fremder Herr mit meinem Namen an, indem er beifügte:„Ihren früheren Schüler B. werden Sie wohl nicht mehr erkennen?“ Dies war allerdings kaum möglich, denn inzwiſchen waren 35 Jahre vergangen, und jetzt ſtand derſelbe mehr als um die Hälfte größer vor mir, wie ich ihn als Schüler in der Erinnerung hatte. Nachdem er mir ſeine langjährige Wirkſamkeit als Gymnaſiallehrer in einer der bedeutendſten Induſtrieſtädte geſchildert hatte, wo er mit der Schweſter des Oberbürgermeiſters verheiratet ſei, meinte er, daß ſeine Kinder mir wohl ebenſo Freude machen würden im begeiſterten

Erfaſſen meiner Ideen, wie er hoffe, daß ich mich ſolches von ihm und ſeinen Mitſchülern noch erinnern werde. Von der Tiefe dieſer Jugend⸗ eindrücke gab er mir dann noch eine ganze Kette von Beweiſen, die noch friſch in ſeiner Erinnerung ſtanden.

Als mir nach Niederlegung meines Amtes infolge wiedergewonnener Geſundheit und unbeſchränkter Zeit freiere Bewegung ermöglicht war, mehrten ſich die Fälle, wo ich früheren Schülern begegnete, doch zeigten dieſelben ausnahmslos die lebhafteſte und freudigſte Erinnerung an jene ſchon ſo fern liegenden Zeiten der Groß⸗Gerauer Privatrealſchule und wurden nicht müde, mich immer wieder an Vorkommniſſe zu erinnern, deren ſittliche Wucht ſich ſo unauslöſchlich in ihr Gedächtnis eingegraben hatte, daß ſie nicht faſſen konnten, wie ich ſie vielfach konnte vergeſſen haben.

Unter dieſen Schülern befand ſich auch ein Mann in hervorragender Stellung, von deſſen Leiſtungen ich bereits gehört hatte. Als wir uns zum erſten Mal begegneten, ſchilderte er mir mit Begeiſterung die Ziele, die er verfolgte, und die aus dem Rahmen des Ueblichen heraustretenden Mittel dazu. Nachdem er mir dann auch die Erfolge angedeutet hatte, die er mit dieſen Beſtrebungen erreichte, unterbrach er ſich plötzlich, mich groß anſehend, mit der Bemerkung:„Und wiſſen Sie auch, Herr Franck, wem ich all dieſen Erfolg verdanke?—? Nur allein Ihren Grund⸗ ſätzen, die Sie uns in Groß⸗Gerau immer ſo eindringlich demonſtrierten. Wie oft konnte ich mich von der Wahrheit Ibrer Anſicht überzeugen, daß nur das Vernünftige und Begreifbare einen mächtigen Eindruck auf nor⸗ male Menſchen macht, und daß dieſer Eindruck um ſo nachhaltiger iſt, je klarer und vollſtändiger die angeſtrebte Einſicht in den Gegenſtand bei den Zuhörenden gelang! Würden Sie einmal in einem Vortrag von mir zugegen ſein, ſo bin ich überzeugt, Sie würden ſich ſelbſt darin wiederer⸗ kennen. Glauben Sie aber ja nicht, daß ich Ihnen dies Alles nur aus Höflichkeit oder aus Schmeichelei gegen den früheren Lehrer hier mitteile. Derartiges liegt meinem Charakter gänzlich fern. Das Bekenntnis dieſer Tatſache iſt mir aber um ſo mehr Bedürfnis, als es aus derſelben Be⸗ geiſterung für die Wahrheit entſpringt, die uns von Ihrer Seite immer ſo unwiderſtehlich hinriß.“ Dieſes erfreuliche Bekenntnis fand inzwiſchen

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