Jahrgang 
1904
Einzelbild herunterladen

Dem bereits erwähnten, ſehr begabten Schüler wurde verhältnismäßig jung die Direktion einer höheren Töchterſchule übertragen und einem ebenſo talentierten, aber ungleich vielſeitigeren und geiſtesgewandteren die Direktion eines Realgymnaſiums. Ein Schüler wandte ſich der Chemie zu, und mehrere wurden tüchtige Ingenieure, wovon ſich einer bei der ſtädtiſchen Verwaltung in Frankfurt befindet und ein zweiter als Offizier bei einem Cienbanr inent ſtand.

Ein ſehr begabter Schüler wurde Berg- und Hüttenmann und führte ſchon mit 22 Jahren in Vertretung des ſchwer erkrankten Direktors den techniſchen Betrieb des damals berühmteſten Trägerwalzwerkes ſelbſtändig faſt ein ganzes Jahr lang zur größten Zufriedenheit des Aufſichtsrates. Zwei Jahre ſpäter trat er zu Krupp über, wo man ihm auf Grund dieſer für ſeine Jugend ſo überraſchenden Leiſtung ſofort eine Stellung von einer gewiſſen Verantwortlichkeit überwies. Seit Jahren führt er eines der Krupp'ſchen Thomasſtahlwerke.— Ein anderer iſt Mitglied einer Königl. Eiſenbahndirektion und zwar in einer der verantwortlichſten Stellungen dieſer Inſtitute, nachdem er als Ingenieur mit dem Bau und Betrieb einiger Bahnſtrecken betraut war.

Auch unter dieſen Schülern, welche fern von Groß⸗Gerau ſich ihre Lebensſtellung begründet haben, mag ſich noch mancher befinden, von dem mir der Zufall keine Kunde mehr brachte, beſonders wenn der Wohnort in weiter Ferne liegt. So erfuhr ich die für die Privatrealſchule recht erfreuliche Vertrauensſtellung eines Schülers in einem Geſchäft in Brüſſel nur dadurch, daß mich derſelbe im Bahnzuge bei Halle wieder erkannte unter der Vanderdr.„Mein Name iſt K., früherer Schüler von Ihnen.“ Er berichtete mir dann, wie ihn der Zufall nldeden ſeinem auf ländliche Wirkſamkeit berechneten Lebensplane nach Brüſſel geführt habe, wo ihn der Prinzipal ſehr bald unter Erhöhung ſeines Gehaltes durch Uebertragung von immer wichtigeren Vertrauensaufgaben auszeichnete, als er die Grund⸗ ſätze, die jener ſich in der Privatrealſchule angeeignet hatte, immer deutlicher erkannte, und ſo, wie K. offen bekannte, ſeine Freude an ihm gehabt habe. Ein einwandfreieres Urteil über die ethiſchen Grundſätze der Privat⸗ realſchule dürfte kaum gefunden werden.

Uebrigens ergaben auch andere zufällige Begegnungen mit meinen Schülern das eigentümlich Uebereinſtimmende, daß dieſelben ſtets in irgend einer Form auf die in der Schule geübten Grundſätze zu reden kamen. Vielleicht wurde dieſe Erſcheinung durch die ſpätere Erfahrung ihrer Richtigkeit veranlaßt, wodurch praktiſche Dinge ſtets vor dem Vergeſſen bewahrt werden. So ſtellte ſich mir 17 Jahre nach der erwähnten Begegnung ein Herr in einem hieſigen Vereine als früͤherer d Lehiller von mir vor, deſſen Phyſiognomie ich mich nicht erinnern konnte. Dem begegnete er ſofort mit einer Reihe von Tatſachen aus den zwei letzten Jahren der Privatrealſchule, die noch unverwiſcht in ſeinem Gedächtnis ſtanden, indem er zugleich bemerkte, daß gerade die dort von mir konſequent gehandhabten Grundſätze für ihn be— ſtimmend geworden ſeien, dieſelben zur Graßeshan ſeiner praktiſchen Be⸗ ſtrebungen zu machen, ſo daß ſich mir wohl bald Gelegenheit ergeben werde, in ihm einen meiner elet hrigeren Schüler zu erkennen. Die Be⸗ merkung war zu eigentümlich, um ernſt genommen zu werden. Wie erſtaunte ich aber, als ſich ſehr bald in unſerer Auffaſſung praktiſcher Lebensverhält⸗ niſſe und techniſcher Dinge eine Uebereinſtimmung ergab, der ich noch nie

D