Jahrgang 
1904
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ihr gewohnter Stimmumfang ziemlich klein war, mußte ſie die Effekte durch um ſo feinere Nüanzierung zu erreichen ſuchen, was ihr ſo vollkommen gelang, daß ſie in der Vorſtellung der Hörer den ganzen Schauer der Erlkönigſituation wach rief und nicht enden wollenden Beifall erntete. Bei all dieſen Erfolgen bewahrte ſie fortdauernd die ſeltenſte Beſcheidenheit und eine gewinnende Milde des Charakters, ſo daß ſie von ihren ſämtlichen Mitſchülern ſtets bewundert und wie ein unerreichbares Ideal hoch verehrt wurde. Ebenſo wie bei dem erwähnten Knaben war auch bei ihr die Begabung das Erbteil von ſeiten der Mutter, die in dem letzteren Fall ſogar das Talent beſaß, ihren Gedanken und Empfindungen die Form von Gedichten zu geben.

Solche weiblichen Vorbilder wirken auf die Knaben viel anſpornender als begabte Kameraden, weil ſie die Beſchämung und den Kummer, über— flügelt zu ſein, viel mehr vertiefen.

So bereitete das ſchnellfüßige Töchterchen eines Gerichtsbeamten den Knaben in den erſten Früblingsbotanikſtunden auf dem Kaninchenberg große Verlegenheit, wenn ich auf dem Heimweg ihre Aufmerkſamkeit auf die Probe ſtellte, indem ich zwiſchen den nicht dicht ſtehenden Büſchen zu entſchlüpfen ſuchte. Schon nach 1—2 Minuten hatten die Knaben meine Spur ver⸗ loren, nicht aber jenes geiſtesraſche Mädchen. Weder vermochte die größte Schnelligkeit im Umkreiſen der deckenden Stauden mich ihren Blicken zu entziehen, noch gelang mir's durch Ueberſet ten eines tiſchhohen Buſches, ſie zu einem Umweg zu zwingen. Sie überflog ihn mit ebenſo wenig Beſinnen wie ich und mit der ruhigſten Miene, als wäre dies nur ſelbſt— verſtändlich. Erſt nach der vierten oder fünften Stunde gelang es den gewandteſten Knaben, es ihr gleich zu tun, nachdem ſich deren Beſchämung mit jedem neuen Mißerfolge peinlich geſteigert hatte.

So eng bemeſſen und 15 kurz vorübergehend d die Gelegenheiten ſind, wo ſich die wiſſenſchaftlichen Leiſtungen einer Vorſchule, wie ſie die Gerauer Privatrealſchule darſtellte, beurteilen laſſen, ſo zahlreich und mannigfaltig ſind ſie in Bezug auf die ethiſchen Reſultate, die Leiſtungen in der Charakterbildung. Der ganze Lebensgang der Erzogenen, das Anſehen, zu dem ſich der Schüler durcharbeitete, bilden meiſtens die nicht zu beeinfluſſende Kritik dieſer Leiſtungen. Jede hohe Stellung, jeder Ver— trauenspoſten, jeder ſoziale wie ebnzüͤe Erfolg ſpricht für die Tüchtigkeit der Grundſätze ihrer Erziehung und ganz beſonders in der Zeit vom 6. bis zum 15. Lebensjahre, wo der weſentlichſte Grund für den Charakter gelegt wird.

Wenn daher die originellen Kunſtbeſtrebungen der heſſiſchen Reſidenz von 1901, welche nicht nur von Deutſchland, ſondern auch vom Auslande mit Intereſſe verfolgt wurden, auch einen Schüler der früheren Privatreal— ſchule zur Mitwirkung bei den Bauausführungen heranzogen, ſo kann ſich die Schule deſſen erfreulichen Erfolg gewiß zur Ehre rechnen. Und wenn ein anderer Schüler ſeine damals ſchon bervortretenden Talente in mathe⸗ matiſchen und beſonders geometriſchen Dingen durch Selbſtſchulung ſo weit zu vervollkommnen verſurh daß er ſich aus eigener Kraft zum Erfinder und Fabrikanten von Spezialmaſchinen macht, ſo zeigen ſich darin unverkennbar die Wirkungen der Moral der Tat, wie ſie in der Privatrealſchule an Stelle des üblichen guten Willens konſequent geübt wurde. Denn darüber iſt das geſamte Wirtſchaftsleben nicht mehr im Zweifel, daß an den ſelbſtändigen Leiſtungen der Charakter den weit überwiegenden Anteil hat und das Wiſſen den weſentlich kleineren.