—
D
Beobachtung des ſozialen Lebens genau ebenſo zu fördern wie die Beobachtung der Natur, weil ſie die Baſis bildet für das Ehrgefühl und die Selbſtachtung, in welchen die ſittlichen Grundſätze eine viel ſicherere Stütze finden als in allen idealiſtiſchen Doktrinen.
Wenn unſer wirtſchaftliches Leben, wie ſchon ſeit Jahrzehnten, nicht zu Ende kommt mit der Klage, daß trotz Tauſenden von Stellenloſen es kaum möglich iſt, Leute zu Vertrauensſtellungen zu finden, ſo hat dieſen Mangel nicht zum wenigſten unſere idealiſtiſche Erziehung verſchuldet, welche den jugendlichen Menſchen durch Einwirkungen zu bilden ſucht, welche dem wirtſchaftlichen Leben fremd ſind. Die einen werden daher ſehr bald von der Wucht der Verantwortung erdrückt und damit trotz aller ſittlichen Grundſätze zur Initiative unfähig und ſind dann nur noch ängſtliche
Tagarbeiter, die kommandiert werden müſſen. Die anderen, und zwar die Mehrzahl, haben nur eine ganz verſchwommene Vorſtellung von ihrer Ver⸗ antwortung und treten an die ſchwerſte Berufsaufgabe mit einer Sorgloſigkeit heran, als gäbe es niemals Schwierigkeiten, deren Ueberwindung von ihrer Umſicht gefordert werden dürfte. Von idealiſtiſchen oder gar transz endenten Erziehungsgrundſätzen kann kaum etwas anderes erwartet werden, weil ſie mit ihrem vorwiegenden Appell an das Gemüt nur allzu leicht unſichere und ſchwankende Charaktere liefern, die das praktiſche Leben ſo ſehr fürchtet. Wie ſollte es auch anders ſein, wo ihre ganze Energie auf ihre Stimmungen aufgebaut iſt, die wie die Wogen des Meeres jeden Augenblick wechſeln! Gerade deshalb aber haben die damaligen Lehrer ihre ſämtlichen Erziehungsgrundſätze einzig und allein auf das Einſehbare und Vernünftige geſtützt, das von dem jugendlichen Geiſt begriffen werden kann. Nur auf dieſe Weiſe, nur uuf Grundlage des Intellektes glaubten ſie geiſtesklare Charaktere erziehen zu dürfen, welche bei der größten Ver⸗ antwortung noch ſicher und raſch entſchloſſen zu handeln vermögen, und wie ſie unſer intenſives Kulturleben nicht anders gebrauchen kann.
Inzwiſchen hat uns die Heimat der traditionellen Rechtfertigungs⸗ theorien in dem traurigen Kulturbild der Orientſtaaten die Konſequenzen jener Theorien mahnend vor Augen geführt. Es kann daher kaum ein Zweifel walten, daß im Wettbewerb der Völker demjenigen die führende Rolle zufallen muß, das ſich zuerſt und am vollſtändigſten von der Rechtfertigung ohne TDat freizumachen verſteht. Allem Anſcheine nach iſt auch zu dieſer ſittlichen Aufgabe das deutſche Volk beſtimmt, wie auch die befreiende und veredelnde eermation aus ſeinem Denkbedürfnis entſprang. Diesmal iſt jedoch das praktiſch he Leben der Reformator mit ſeinem Verkehr, ſeiner Technik und ſeinen unerbittlichen wirtſchaftlichen Ereigniſſen. Im 70er Krieg, der ein glänzendes Beiſpiel der Negierung des guten Willens ohne Tat darſtellt, hat das deutſche Volk gezeigt, daß es bereits damals auf dem Wege war, dieſe Kadterrdei anzutreten. Die Fortſchritte, die es inzwiſchen darin gemacht hat, liegen klar vor unſeren Augen, und zu dieſen in demſelben Geiſte mitgewirkt zu haben, kann dem ehemaligen Lehrer nur Befriedigung gewähren.
—-NYB— 65 S
— Sf,—


