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waren ſie auch in der Privatſchule bald verſchwunden, nachdem die Lehrer einmal angefangen hatten, die Rechtfertigung durch den guten Willen gänzlich zu verneinen. War Beſuch da, war die Lampe zerbrochen, ſo mußte das Kind mit ſeiner Ueberlegung Mittel und Wege zu finden wiſſen, um dieſes Hindernis zu umgehen, und ſei es ſelbſt durch Aufſuchen eines Kameraden, bei dem es arbeiten konnte. War es mit den Eltern auswärts, ſo mußte es ſelbſt des rechtzeitigen Aufbruchs bewußt bleiben und zu demſelben drängen, oder es mußte am anderen Morgen zwei Stunden früher aufſtehen, um die Aufgaben zu vollenden. Es mußte mit dem Kopfweh die Arbeit bewältigen, wie ſolches das praktiſche Leben ebenfalls nicht anders geſtattet, und kam gar unter dem obligaten Tränenſtrom die gekränkte Aeußerung:„Ich habe meine Schuldigkeit gewiß getan, ich habe über zwei Stunden an dieſer Vorbereitung geſeſſen und fleißig gearbeitet!“ ſo wurde ihm erwidert: Oh, das haſt du ja ganz falſchverſtanden! Es wurde euch nicht aufgetragen, fleißig zu ſein und an der Aufgabe zu arbeiten; das braucht ihr niemals. Es wird von euch nur verlangt, das Aufgegebene zu können oder Schriftliches, mit eigener Hand ſchulgerecht ausgeführt, vorzulegen. Wie ihr das erreicht, ob mit oder ohne Fleiß, ob mit viel oder mit gar keiner Arbeit, ob ſpazierengehend oder ſpielend oder ſelbſt, wie in früheren abergläubiſchen Zeiten, indem ihr das Buch nachts unter das Kopfkiſſen legt,— das iſt euch überlaſſen, nur müßt ihr richtig vorbereitet zur Schule kommen. Dann ſeid ihr gerechtfertigt, niemals aber durch den guten Willen, und ſei er auch noch ſo gut. An der Unwiderleglichkeit dieſer Logik hatten die Schüler ihre helle Freude, und ſo ſchwanden die Entſchuldigungen immer mehr und ebenſo der übliche Tränenſtrom, wenn doch einmal die Vor— bereitung ſich als ungenügend erwies. Lauerte dann der ſchlecht unterdrückte Humor der Mitſchüler auf das übliche Rechtfertigungslied, ſo kam es jetzt nicht ſelten vor, daß der Schuldige verſchämt von der allgemeinen Heiterkeit mit— geriſſen wurde unter der Bemerkung:„Ich ſehe es ein, daß ich's nicht kann. Ich kann es aber gar nicht begreifen, denn ich habe ſo und ſo lange daran geſeſſen.“ Gewöhnlich meldeten ſich alsdann auch aus dem Mitſchülerkreiſe halblaut die vorbereitungstechniſchen Fehler, welche dieſes Mißverhältnis bewirkt hatten: Er hat zu ſpät angefangen, da folgt die Wiederholung zu bald hinterher und da ſitzt's nicht; oder: ſie hat ſich unter dem Geſpräch von anderen Perſonen vorbereitet, da präpariert man nur mechaniſch ohne Sinn und wirft dann alles durcheinander,— und ſo war es auch gewöhnlich. Ebenſo gewiß war aber auch, daß nach ſolcher offenen Selbſtkritik das Ver⸗ ſäumte in der nächſten Stunde vortrefflich nachgeholt war. Mit dem Aufhören der endloſen Ausreden waren aber auch alle Symptome der Trägheit verſchwunden, und es entwickelte ſich ein Fleiß und eine Freude an der Arbeit, daß die Lehrer allen ſpäteren Prüfungen der Schüler mit Ruhe entgegen ſehen konnten, weil das Erlernte von ihnen mit Sicherheit beherrſcht wurde.“)
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*) Um Mißverſtändniſſen zu begegnen, möge hier ausdrücklich betont ſein, daß den Schülern niemals philoſophiſche Erörterungen über das Rechtfertigungs⸗ prinzip vorgetragen wurden, wie denn auch die ganze, ſchon angedeutete Er⸗ ziehungstendenz nicht durch Vorträge und Reden ſondern durch ruhiges Hin⸗ drängen und Schulen in gewiſſen ethiſchen Richtungen den Charakter zu bilden ſuchte. Anders iſt es, wenn hier jener Geiſt der Erziehung dargeſtellt werden ſoll. Hier laſſen ſich philoſophiſche Erörterungen und Abſtraktionen nicht umgehen.


