Jahrgang 
1904
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Das Streben nach Anerkennung der Individualität ging bereits in der erſten Hälfte des verfloſſenen Jahrhunderts wie ein roter Faden durch alle politiſchen und ſozialen Ereigniſſe, bis es in den 60er Jahren im Schatten der nationalen Bewegung beſonderes Leben gewann. Man begann zu erkennen, welche großen Schätze a angfeit ger Leiſtungsfähigkeit in der Individualität des Menſ ſchen verborgen liegen, die bisher nicht nur nicht entwickelt, ſondern vielfach ſogar durch Schabloniſierung und bedingungsloſen Gehorſam erſtickt wurden. Es tauchten daher in allen Bevölkerungsſchichten Beſtrebungen auf, der Individualität überall und nicht zum wenigſten derjenigen des jugendlichen Menſchen Anerkennung zu verſchaffen, ohne dabei den Konflikt mit dem Herkömmlichen zu ſcheuen. Dieſe Bewegung bildete eine große Gefahr für die 8 Ordnung im Unterricht, wenn die Lehrer dieſelbe überſahen und ihr nicht Rechnung trugen.

Leider war das Letztere bei Gottſchild der Fall, der außerdem durch ſchwankenden Charakter und hochfahrendes Weſen ſich alle Shiuvalbigen verſcherzt hatte, was den Kindern nicht verborgen bleiben konnte. Die Folge davon waren dreiſte Aufle Peunten einzelner Schüler gegen Gottſchild mit Aeußerungen wie:Das laſſe ich mir nicht gef fallen! Das ſage ich meinem Vater! Im Bewußtſein ſeiner ſympathieloſen Stellung befand ſich Gottſchild der Sache biahles gegenüber und ſteckte die demütigende Behandlung ein. Als ich davon hörte, erſchrak ich nicht wenig, da die Wiederholung und ſchließlich die ganze Auflöſung der Disziplin nunmehr nicht lange auf ſich waeren laſſen konnte. Um dieſem zu begegnen, blieb nur der eine Weg, daß ich mich trotz des unkollegialiſchen Verhaltens von Gottſchild in dieſer Angelegenheit mit ihm ſolidariſch erklärte. Nachdem ich vor der Klaſſe den! Tatbeſtand nochmals feſtgeſtellt t hatte und die Schüler entlaſſen worden waren, wurde dem Schuld digen eine exemplariſche Züchtigung verabreicht und ſchließlich bemerkt:So, jetzt ſagſt du deinem Vater auch, daß du von mir die gebührende Strafe für deine Frechheit erhalten hätteſt! Vergiß aber nicht zuzufügen, daß ich dir noch eine ganz andere in Ausſicht geſtellt hätte, wenn du dir auch nur das Geringſte noch gegen Herrn Gottſchild erlauben ſollteſt. Mit dieſer draſtiſchen Lektion war die Gefahr für einige Wochen l hinausgeſchoben. Nach ſechs Wochen verſuchte jedoch ein anderer Schüler eine ähnliche, wenn auch nicht ganz ſo ſchwere Ungebührlichkeit. Auch er bekam ſeine entſprechende Strafe, und nunmehr wurde jeder nicht ganz rückſichtsvolle Ton in der Rede gegen Gottſchild gerügt, den ich durch die dünne Zwiſchentüre mitanhörte oder berichtet bekam. Nach einigen Monaten war die Gefahr für immer beſeitigt aus Reſpekt vor meiner konſequenten Energie.

Nach dem Tode Gottſchilds war Derartiges zur Unmglichkeit geworden. Durch die Ausdauer der Lehrer in ihrer Stellung wurde das Verhältnis der Schüler zu ihnen ein immer engeres, da die jugendliche Individualität, deren Herausbildung heute zu den hauptſächlichſten Aufgaben der Schule gehört, bei den Lehrern ihre volle Schätzung fand und ſich frei entfalten konnte. Die Schüler folgten daher nicht nur dem Unterricht, ſondern auch den ſittlichen Grundſätzen der Lehrer und ſogar ihren wiſſenſchaftlichen Privatbeſtrebungen mit großer Begeiſterung.

Zu dieſem erfreulichen Reſultat wirkte ganz beſonders mit die oben erwähnte ſchweigende Erziehung. Wenn der Menſch im praktiſchen Leben eine nicht ganz ehrenhafte oder gar eine unerlaubte Handlung begeht, ſo

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