Die Handhabung der ethiſchen Grundſätze.
Die Erziehungsgrundſätze der damaligen Privatſchule bilden in ihrer konſequenten Umgehung ſo mancher Marimen, die wir nicht glauben ent⸗ behren zu können, trotzdem wir nicht müde werden, uns über ihre Wirkungs⸗ loſigkeit zu beklagen, und in ihrer grundſätzlichen Verwendung derſelben Faktoren, womit das praktiſche Leben die Menſchen ſo unerbittlich erzieht, wohl das Charakteriſtiſchſte aus jener Periode und drückten ihr einen gewiſſen Stempel auf, der ſich in den Lebensanſchauungen der Schüler deutlich geltend machte. Infolge dieſer Eigenart ermangelten ſie auch nicht ganz der Gegenſätze mit dem Altherkömmlichen, wenn auch eigentliche Konflikte kaum in die Er— ſcheinung traten. Sie warfen aber deshalb auch ſtillſchweigend ihre Stimme mit in die Wagſchale, als die Anſtalt 1871 aus anderen Gründen aufgelöſt wurde. Da dieſe Grundſätze zugleich die ethiſche Baſis unſeres wirtſchaftlichen Lebens bilden, das heute unſer ganzes Kulturleben durchdringt, ſo blieb auch unſer ideales Denken von ihren Reflexen nicht unberührt. Dennoch haben ſie ihre Gegenſätze noch keineswegs verloren, weil die theoretiſche Moral auch heute noch auf ihrem traditionellen Standpunkte verharrt. Ihre Skizzierung vervollſtändigt daher nur das Bild, das von der damaligen Privatrealſchule gezeichnet werden ſoll.
Wer hätte nicht als Lehrer bei ernſten Erziehungsfällen die Be⸗ obachtung gemacht, wie wenig die eindringlichſt geſprochenen Ermahnungen von dauerndem Erfolg begleitet ſind,“) und wer erinnerte ſich zugleich nicht, mit welcher Langeweile er als Schüler ſolche die praktiſchen Ver⸗ hältniſſe nicht ſelten ignorierenden Moralpredigten mit anhörte! Halten wir unſere Erfahrungen aus dem praktiſchen Leben dagegen, wo wir jeden Augenblick ſehen, wie das Leben die widerſpenſtiſchſten Charaktere zu brauchbaren und nicht ſelten zu bedeutenden Menſchen erzieht, ſo drängt ſich unwillkürlich die Frage auf: Iſt denn das gleiche Reſultat nicht auch im Jugendſtadium des Menſchen zu erreichen, und welches ſind dann die Unterſchiede in den Mitteln der beiden Methoden?
Als erſtes ſehen wir dann, daß das praktiſche Leben keine Reden hält, ſondern dem Menſchen immer nur Tatſachen gegenüberſtellt, deren nnausweichlicher Logik ſich ſelbſt der willkürlichſte Charakter nicht ganz entziehen kann. Als zweiten Unterſchied finden wir, daß jeder Menſch im Leben die Dinge ſo vollbringt, wie er's am leichteſten und am ſicherſten vermag und nicht in widerſtrebenden oder kaum ausführbaren Formen, welche blinder Gehorſam diktierte. Und als drittes unterſcheidendes und zugleich ſchwerſt wiegendes Moment entdecken wir ganz im Hintergrund das ethiſche Prinzip der Rechtfertigung nur allein durch die vol⸗ lendete Tat und nicht durch den traditionellen guten Willen. Dieſe drei Hilfsmittel des praktiſchen Lebens auch in der Schule zu probieren, war eines Verſuches wert, und dieſer hat ſchließlich mehr geleiſtet, als die kühnſten Hoffnungen glaubten erwarten zu dürfen.
*) Es gibt allerdings auch Lehrer, deren Freude an pathetiſchen Reden jedes Zeitwinkelchen mit guten Ermahnungen auszufuͤllen ſucht, auch wenn nicht die geringſte Veranlaſſung dazu vorliegt. Dieſelben bilden ſich dann gewöhnlich auch ein, daß die ganze Tüchtigkeit der Schüler, welche der häuslichen Erziehung zu danken iſt, nur allein ihren Ermahnungen beizumeſſen ſei, und ihre Er⸗ mahnungen daher nie des Erfolges entbehrten.


