Jahrgang 
1904
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meinen Bildung, und man würde einen Lehrer ſchwer tadeln, der dieſes wichtige Kapitel ſchweigend übergehen wollte. Damals nahm man es ebenſo übel. Es war daher geraten, den Gegenſtand in aller Stille zu lehren, was um ſo leichter möglich war, als den Schülern dieſe Auffaſſung als die ſelbſtverſtändliche erſchien, als könnten die Vorgänge in der belebten Natur kaum andere ſein. Dennoch aber wurde dieſe Naturauffaſſung von einzelnen Vätern bei ihren Kindern erkannt und mit Jubel und Dankbarkeit gegen mich aufgenommen. Leider fehlte es nunmehr auch nicht an der Kehrſeite bei engherzigen, leidenſchaftlichen Perſonen. Deren Stellungnahme gegen mich wurde jedoch erfreulicherweiſe in Schranken gehalten durch die energiſche und konſequente Deckung meiner Wirkſamkeit von ſeiten zweier Väter, des damaligen Kreisarztes Dr. Münch und des Sektionsingenieurs Weiß. Ohne die Vertretung meiner naturwiſſenſchaftlichen Weltanſchauung durch dieſe beiden angeſehenen Herren würden meine Erinnerungen an die Gerauer Unter⸗ richtszeit mit unzähligen ſchwarzen Wolken verdüſtert ſein. Mögen daher auch die ehemaligen Schüler der Privatrealſchule mit mir dieſen beiden Männern eine dankbare Erinnerung widmen, daß ſie von der Anſtalt verhängnisvolle Störungen fern gehalten haben, die man heute nicht mehr begreifen könnte.

Da die Mädchen den Knaben gegenüber ſehr im Nachteil waren, weil ſie an deren Spezialfächern nicht teilnahmen, und ſolche für Mädchen, wie ſie heute überall eingeführt ſind, überhaupt noch nicht exiſtierten(Handarbeit ausgenommen), ſo erlaubte man mir, wöchentlich eine Stunde aufChemie und Phyſik des praktiſchen Lebens, ſpäter Technik der Haushaltung genannt,

ſpeziell für Mädchen von 1214 Jahren zu verwenden. So wurden dieſe älteren Mädchen in das Weſen des Kochens, des Backens, des Konſervierens der Nahrungsmittel, des Waſchens und Reinigens, der Heizung und Be⸗ leuchtung, der Ernährung und Geſundheitslehre, ſowie in einige wirtſchaftliche Grundſätze zur Führung der Haushaltung eingeführt. Die theoretiſchen Grund⸗ lagen dazu wurden ihnen durch Experimente erläutert. Da ein Lehrbuch dafür noch nicht eriſtierte, wurde ihnen von dem Weſentlichſten ein Diktat gegeben.)

*) Es gereichte mir ſeither zu ganz beſonderer Befriedigung, daß dieſe Grund ſätze der Frauenerziehung, die damals in Groß⸗Gerau ganz vereinſamt gepflegt wurden, heute in den meiſten höheren Mädchenſchulen vom 15 oder 16 Jahre ab eingeführt ſind. Erſt während dieſer ſtillen Uebung in Groß⸗Gerau wurde ſie von einer edelen Frankfurterin zum Ziele ihres berühmten Lettevereins in Berlin gemacht. . Für die Schulung in wirtſchaftlichen Grundſätzen erwies ſich der Er⸗ fahrungskreis der 13 14jährigen Mädchen noch zu klein, ich mußte es daher bei wenigen Verſuchen bewenden laſſen. Dagegen boten ſich mir damals ganz ungewollte Gelegenheiten, bei Erwachſenen in dieſer Richtung zu wirken und aus dieſen Erfahrungen die paradox klingende Ueberzeugung zu gewinnen: Soll eine mit ihren Monatsraten nicht auskommende, normal geartete Frau zur guten Wirtſchafterin gebracht werden, ſo gibt es kein beſſeres Mittel, als ihr die geſamte Kaſſe, ja ſelbſt die ganze Vermögensverwaltung zu übertragen, aber an der Hand einer ſtatiſtiſchen Buchführung, indem man ſich muir allein die Kontrolle der konſequenten Durchführung des ganzen vorbehält. Schon nach wenigen Wochen macht ihr das Ausreichen die größte Sorge, und noch vor Jahresfriſt wird alles vortrefflich verwaltet. Noch heute erfahre ich Fälle, wo Familien ſolche Buchführungen von damals, die ſie bei Bekannten trafen, mit großer Befriedigung bei ſich einführten.

Daß aber auch meine Schülerinnen die Chemie und Phyſik des praktiſchen Lebens im ſpäteren Leben zu würdigen vermochten, das darf wohl aus der freudigen Erinnerung daran geſchloſſen werden, die ſie als Frauen mir ſtets entgegen brachten, ſo oft ich ihnen zufällig begegnete, und von der ſogar ihre ſpäteren Freundinnen mir nicht genug zu erzählen wußten.

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