Jahrgang 
1904
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verwehrt ſchien. Da brachte die veränderte Behandlung eines jungen Arztes ſolchen Umſchwung, daß ich ſeit einigen Jahren wieder leidlich wohl bin und zuverſichtlich in die Zukunft ſehen darf, um vielleicht dem Alter meiner hochbetagten Vorfahren nahe zu kommen.

Vielleicht wird man aber noch die Frage ſtellen wollen: War ſo langes Ausharren in ſo beſcheidener Wirkſamkeit ohne Förderung wie die in der Groß-Gerauer Privatſchule nicht Zeit- und Lebensverluſt? Ich ſelbſt habe mir dieſe Frage ſchon wiederholt geſtellt und mußte ſie immer verneinen, da ich ſtets eine unüberwindliche Scheu vor einer Lebensſtellung empfand, wo die Individualität ſich nicht entwickeln durfte, ohne die Wertſchätzung ihres Trägers zu untergraben. Fiel doch meine ganze Jugend in eine Zeit, wo die ungl laublichſte Fügſamkeit den Maßſtab für große Brauchbarkeit abgab. Noch in den erſten Jahren meiner Vättei in Groß⸗Gerau beklagten ſich meine Komilitonen bitter bei mir, weil ſie nach der Anſtellung oder Zulaſſung bei Vorſtellungsbeſuchen an höheren Stellen mit verächtlich ſtrafendem Blick gefragt wurden, ob ſiedas da unter der Naſe und um das Kinn immer trügen.) Ich wies daher alle Winke und darunter auch ſehr verlockende, die mir zum Eintritt in den höheren Staatsſchuldienſt von Beamten privatim gegeben wurden, und die in dem Mangel an Lehrkräften ihre Erklärung fanden, ſtets zurück, um nur allein nach einer Lebensſtellung zu ſtreben, wo meine Individualität, unbeengt durch Tradition und Vorurteil der Zeit, ihre Fähigkeiten ähnlich wie in Groß-⸗Gerau entfalten und ihre Intelligenz in mathematiſchen, naturgeſetzlichen und wirtſchaftlichen Ideengängen wirken laſſen konnte. Mein ſpäterer Wirkungskreis bot mir dieſe Stellung zwar nicht in einer abſoluten, aber doch ſo weitgehenden Vollſtändigkeit und intereſſanten Mannigfaltigkeit, wie ſie nur wenigen beſchieden iſt. Sie zeigte mir aber auch auf Schritt und Tritt, welchen großen Vorſprung ich durch die in der Privatſchule erlangte Fertigkeit im Demonſtrieren und Klarmachen vor anderen Menſchen voraus hatte. War es doch gerade dieſe Fertigkeit, die mich als Techniker ungewollt zur kaufmänniſchen Oberl leitung hindrängte und mir ſehr oft die unglaublichſten Verhandlungserfolge geſtattete.) Zur Aneignung dieſer Fertigkeit hätten allerdings 45 Jahre ausgereicht, doch ſind die Urſachen meines längeren Verbleibens in Vorſtehendem binreichend angedeutet.

Auch die damaligen anthropologiſchen Studien, deren Fortſetzung ich heute noch das lebhafteſte Intereſſe zuwende, Knücli ich ebenſo wenig in meinem Lebensgang miſſen wie diejenigen über das denkwürdige Erd⸗ beben. Von beiden ſoll ſpäter noch eingehender die Rede ſein. Eine der glänzendſten Erinnerungen jedoch aus den erſten 3 Jahren bildet die Be friedigung, die mir der Verkehr mit den Kindern gewährte, bis ſpäter vereinzelte rohe Naturen dieſelbe ſehr verleideten. Dieſe Freude am Kindergemüt vergoldet mir auch heute noch manchen Lebenstag.

Alle dieſe Lichtpunkte meiner unterrichtenden Tätigkeit in Groß⸗Gerau ließen mich jene Jahre niemals als einen Verluſt betrachten, trotzdem in ihr vielleicht die hauptſächlichſte Urſache zu ſuchen iſt, daß ich einen Familienherd zu gründen verſäumte.

*) Es hatte natürlich ſeinen Grund, warum ſie gerade mir dieſe peinliche Demütigung unter die Naſe rieben.

) Verſicherungsgeſellſchaften, beſonders auf dem Gebiet der Lebens⸗ verſicherung, ſtellen aus demſelben Grunde gern intelligente Lehrer an.

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