Dieſe ſegensreiche Wirkſamkeit Küchlers fiel in das 6. und 7. Jahr⸗ zehnt ſeines Lebens, da er 1803 in Darmſtadt geboren war und ſo mit den berühmt gewordenen Altersgenoſſen Liebig, Gervinus, Kaup, Nodnagel ꝛc. das Gymnaſium beſuchte. 1828 beſtand er ſein juriſtiſches Staatsexamen, um alsdann in Offenbach, Fürth, Groß⸗Gerau, Heppenheim Anſtellung zu finden. An letzterem Platze verheiratete er ſich 1835 mit der Tochter des Landrates Elwert. Wenige Jahre darauf ereilte ihn das furchtbare Schickſal der Erblindung, ſo daß er im Herbſt 1841 im Alter von 38 Jahren in den Ruheſtand treten mußte. Er nahm nunmehr ſeinen Wohnſitz in Groß-Gerau im Hauſe ſeiner Schwiegereltern und widmete ſich mit Hilfe eines Vorleſers und Sekretärs teils wiſſenſchaftlichen, teils gemeinnützigen Arbeiten, bis ihn 1873 der Tod trotz ſeiner 70 Jahre noch in voller Rüſtigkeit überraſchte.
In den erſten Jahren ſeiner Erblindung ſchrieb er ein größeres Werk: „Die Geſe zgebung des Großherzogtums Heſſen“, wovon jedoch nur der erſte Teil im Druck erſchien; außerdem eine Reihe politiſcher und pädagogiſcher Gelegenheitsſchriften und Aufſätze, in denen er als alter Burſchenſchafter ſeinen freiheitlichen und fortſchrittlichen Ueberzeugungen Ausdruck verlieh. Nicht weniger nahm er an der damaligen nationalen Bewegung des deutſchen Volkes begeiſterten Anteil. Seine verdienſtvollſte und erfolgreichſte Wirkſamkeit bildet jedoch zweifellos die Herausarbeitung der Privatrealſchule zu einer vorher noch nie ehahezen Höhe und zwar ohne jede Unterſtützung von ſeiten der Gemeinde oder des Staates. Mögen daher alle diejenigen, welche in der Privatrealſchule die Baſis für eine erfolgreiche Lebensarbeit erworben haben, ſeinem Andenken eine dankbare Huldigung entgegenbringen.
Wilhelm Gottſchild hatte ſeine Studien noch nicht lange beendet, als er aus ſeiner thüringiſchen Heimat nach Groß-Gerau kam. Ein oder zwei Jahre vorher hatte er das Glück gehabt, einem Herrn zu einer teils wiſſenſchaftlichen, teils techniſchen Studienreiſe nach dem griechiſchen Archipel als Sekretär empfohlen zu werden. Durch dieſe Reiſe hatte er ſeine Kenntniſſe und ſeinen Geſichtskreis bedeutend erweitert, was durch ſein
Talent der ſprachlichen Darſtellung um ſo wirkungsvoller zum Ausdruck kam. Gottſchild beſaß überhaupt auf vielen Geiſtesgebieten eine große Begabung, die in einem formvollendeten Vortrag gipfelte, geſprochen mit meiſterhaftem Ausdruck der Worte, wie ich ihn kaum wieder von einem Redner oder Lehrer gehört habe. Der Eindruck dieſer vollendet geſprochenen Rede war ſo feſſelnd, daß ich mich oft nicht enthalten konnte, ihr minutenlang zu lauſchen, wenn ich ſie durch die dünne Zwiſchentüre der Klaſſe mitanhörte, und daß ich ſie unwiderſtehlich nachüben mußte. Gar manchen Vortragserfolg, den ich in ſpäteren Jahren erreichte und der mir anfänglich unerklärt blieb, mußte ich nachträglich infolge der Aeußerungen der Zuhörer auf das von Gottſchild Gelernte zurückführen. Gottſchild hätte daher bei ſeiner ernſten Haltung(er war von mittlerer Größe und dunkelem Typus) einen vor— trefflichen Lehrer für nahezu erwachſene Schüler abgegeben. Leider geſellte ſich zu dieſen bewundernswerten Gaben ein ſchwankender Charakter und ein ungemeſſenes Selbſtbewußtſein, das auf alle Menſchen mit Geringſchätzung herabſah und ihm die Sympathieen der ganzen Bevölkerung raubte. Dieſes Mißverhältnis führte zu großen Gefahren für die Disziplin in der Anſtalt, wie ſpäter erörtert werden ſoll. Aus jener problematiſchen Stellung befreite
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