Als Nachfolger Dr. Römhelds“) war Pfarrer Staudinger auserſehen worden. Da dieſer aber nur einen Teil des Unterrichtes, welchen der Mitprediger Römheld ſeither erteilt hatte, übernehmen wollte, ſo zerſchlugen ſich die Unterhandlungen, die der Kreisſekretär Küchler im Auftrag des Privatſchulvereins mit ihm gepflogen hatte. Es wurde daher der Kandidat der Philologie Dr. Auguſt Schockel aus Laasphe als Nachfolger Römhelds berufen, an deſſen Seite der Kandidat der Philoſophie Karl Becker aus Mainz als Lehrer der Realwiſſenſchaften nach Lions Weggang getreten war.
Infolge dieſer Veränderungen im Lehrkörper der Privatſchule war der Religionsunterricht, welcher bisher von den Mitpredigern erteilt worden war, in andere Hände übergegangen. Obgleich ein Philologe von Fach, hatte Dr. Schockel denſelben übernommen, denn er konnte den Nachweis ſeiner Befähigung zur Erteilung desſelben durch warme Empfehlungen von einigen Geiſtlichen aus ſeiner Heimat erbringen. Wenngleich deshalb von ſeiten der hieſigen Geiſtlichkeit ein Einwand dagegen nicht erhoben werden konnte, ſo beanſpruchte jetzt Dekan Clotz kraft des Geſetzes, wie er be⸗ hauptete, das Recht, den Religionsunterricht an der Privatſchule zu be⸗ aufſichtigen und dem Religionslehrer dieſerhalb Anweiſungen zu erteilen, weil er ſich nach ſeiner eigenen Angabe als deſſen Vorgeſetzten betrachten müſſe. Dieſer bis dahin unerhört geweſenen Forderung trat der Kreis⸗ ſekretär Küchler als Vorſteher der Privatſchule mit aller Entſchiedenheit entgegen, beſonders als der Lehrer, welcher den Religionsunterricht erteilte, ſich durch die Art und Weiſe, wie die Beaufſichtigung ſeines Unterrichts durch den damaligen Dekan erfolgte, verletzt fühlte, ſo daß er ſeine Stellung kündigte. Nur mit vieler Mühe gelang es Küchler, denſelben zu fernerem Verbleiben an der Anſtalt zu bewegen. Im Anſchluß an dieſe Vorkommniſſe entſpann ſich zwiſchen ihm als Vorſteher der Anſtalt und den Schulbehörden des Kreiſes, an deren Spitze der damalige Kreisrat Dr. Werlé ſtand, eine heftige Fehde um die Wahrung der gegenſeitigen Intereſſen. Allem Anſcheine nach hat ſich Küchher nicht in allen Stücken im Einverſtändnis mit den Mitgliedern des Privatſchulvereins befunden, denn aus dem Schoße dieſer Körperſchaft erwuchs ihm eine Reihe von Widerſachern, welche offenbar durch ihre Beziehungen zu dem damaligen⸗Kreisrat Werlé zu
*) Erſt im Jahre 1871 war Dr. Karl Jul. Römheld wieder ſoweit hergeſtellt, daß er ſeine Berufstätigkeit in vollem Umfange aufnehmen konnte. Am 19. Oktober 1873 übernahm er eine Pfarrei in Bingenheim, wurde am 20. Februar 1884 nach Seeheim verſetzt, wo er am 17. Mai 1890 im Alter von 64 Jahren ſtarb. Er war ein äußerſt fruchtbarer Schriftſteller, der ſich nicht nur durch rein wiſſenſchaftliche Abhandlungen(Theologia sacrosancta— Gotha 1888/89), ſondern auch durch ſeine Predigten(Der Weg zum Leben in Predigten— Der Wandel in der Wahrheit u. ſ. w.) einen berühmten Namen erworben hat.


