—1 E. Gottesdienſt. Jeden Sonntag beſuchen die Zöglinge mit den Lehrern den Vormittags⸗Gottesdienſt in
der Burgkirche. Außerdem wird jeden Mittwoch⸗Abend in der Anſtalt eine Erbauungs⸗ ſtunde gehalten.
F. Chronik.
1. Kurz vor Beginn des Schuljahres 1873— 74 haben bedeutende Veränderungen im Lehrerperſonale ſtattgefunden. Durch Allerhöchſte Dekrete Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs vom 3. und 19. April ſind ernannt worden:
Seminarlehrer Wilhelm Stamm zum Lehrer am Gymnaſium in Gießen;
Seminarlehrer Friedrich Soldan zum Lehrer am Gymnaſium in Worms;
Seminardirector Carl Chriſtoph Steinberger zum Director an der Realſchule zu Alzey;
Realſchuldirector Joh. Michael Schäfer zu Alsfeld zum Director an dem Schullehrer⸗Seminar in Friedberg;
der Lehrer an der erſten evangeliſchen Schule in Schotten, Mitprediger Andreas Kirchner, zum Lehrer am Schullehrer⸗Seminar zu Friedberg.
2. Die durch Verſetzung des Seminarlehrers Soldan erledigte Lehrerſtelle iſt bis jetzt noch nicht beſetzt; die mit dieſer Stelle verbundenen dienſtlichen Functionen werden von den übrigen Lehrern mitverſehen, woher es kommt, daß einzelne Seminarlehrer eine beträchtlich höhere Zahl von Unterrichtsſtunden ertheilen, als früher.
3. Am 17. Juni betheiligten ſich Lehrer und Zöglinge der Anſtalt an der Feier des fünfundzwanzigjährigen Regierungs⸗Jubiläums Sr. Königlichen Hoheit des Groß⸗ herzogs durch gemeinſchaftlichen Beſuch des Feſt⸗Gottesdienſtes in der Stadtkirche. Nach⸗ mittags wurde ein Spaziergang veranſtaltet und am Abend war es den Seminariſten geſtattet, den Feierlichkeiten in Bad⸗Nauheim beizuwohnen.
4. Der 29. Juli war für das Seminar ein Tag des Schreckens. Nachmittags, einige Minuten vor 2 Uhr, ſchlug während eines furchtbaren Gewitters der Blitz in das Dach des Schlafhauſes, zertrümmerte ein Dachfenſter nebſt einer größeren Anzahl von Schieferſteinen und zerſplitterte zwei Dachſparren. Faſt alle Zöglinge der II. und III. Klaſſe befanden ſich zu derſelben Zeit im Schlafhauſe, und ein Seminariſt war auf dem Speicher an ſeinem Koffer beſchäftigt, als in geringer Entfernung von ihm der betäubende Schlag erfolgte. Welche Angſt ſich aller Gemüther bemächtigte, läßt ſich nicht beſchreiben. Erſt nachdem man ſich überzeugt hatte, daß kein weiteres Unglück geſchehen, fing man an, wieder freier aufzuathmen, und als bald darauf aus den Räumen der Anſtalt der von den Seminariſten unter Leitung des Profeſſors Thurn angeſtimmte feierliche Choral:„Lobe den Herren, o meine Seele“ er⸗ ſchallte, da löſte ſich das Gefühl des Bangens auf in ein jubelndes Dankgebet zu dem Herrn aller Herren, der gnädig an uns vorübergegangen.
5. Vom 30. Juli bis zum 2. Auguſt machte das Seminar unter Theilnahme von 7 Lehrern und 108 Zöglingen einen viertägigen Ausflug durch das Lahn⸗ und Rheinthal bis nach Ehrenbreitſtein; dann ging's mit dem Dampfboot aufwärts bis Mainz— nachdem von Bingen aus Abſtecher ſowohl nach Rüdesheim und dem Niederwald, als auch nach der„Gans“ und der„Ebernburg“ unternommen worden waren— und von da über Frankfurt, wo dem zoologiſchen Garten ein mehrſtündiger Beſuch abgeſtattet wurde, nach Friedberg. Die mannig⸗ faltigen Eindrücke dieſer vom herrlichſten Wetter begünſtigten Reiſe bilden gewiß bei allen Theilnehmern Lichtpunkte im Seminarleben, an welche ſich das ganze Leben hindurch freund⸗ liche Erinnerungen knüpfen.


