Jahrgang 
1871
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E. Gattesdienſt.

Jeden Sonntag beſuchen die Zöglinge mit den Lehrern den Vormittags⸗Gottesdienſt in der Burgkirche. Außerdem wird jeden Mittwoch⸗Abend in der Anſtalt eine Erbauungsſtunde gehalten, in welcher nach Gebet, Reſponſorien und Choralgeſang mit Orgelbegleitung von einem der angeſtellten Theologen Steinberger, Stamm, Soldan, Marx ein erbaulicher Vortrag gehalten wird. Im Winterhalbjahr fiel aber dieſer Anſtalts⸗Gottesdienſt aus, indem Lehrer und Schüler die in Folge des Kriegs jeden Mittwoch⸗Abend in der Burgkirche gehaltene Betſtunde beſuchten, wobei College Stamm einigemal die Predigt übernommen hatte.

F. Chronik.

1. Mit Ende des vorigen Schuljahres legte der proviſoriſche Lehrer Dr. Korndörfer ſeine Functionen am Seminar nieder und trat als Privatdocent der Mathematik an die polytechniſche Schule in Stuttgart über. An ſeine Stelle trat vom 1. Mai an proviſoriſch und vom 12. October an definitiv Dr. Adam Heid, welcher über ſeinen Lebens⸗ und Bildungsgang folgende Notizen zu den Acten gegeben hat:

Adam Heid, Sohn des Landwirthes Adam Heid, iſt geboren den 22. Dezember 1837 zu Gimbsheim, Kreiſes Worms, und erhielt ſeinen erſten Unterricht in der dortigen Volksſchule. Nach ſtattgehabter Confirmation bereitete er ſich 2 Jahre lang zur Aufnahme in's Großherzogliche Schullehrer⸗Seminar zu Friedberg vor, beſuchte dieſe Anſtalt von Oſtern 1854 bis dahin 1856 und übernahm am 1. Juni 1856 ſeine erſte Lehrerſtelle am Reinhardt'ſchen Knaben⸗Inſtitute zu Darmſtadt, woſelbſt er 2 ½ Jahr wirkſam war und ſich nebenbei in Franzöſiſch und Latein auszubilden ſuchte. Mit Herbſt 1858 übernahm er eine Stelle an dem Knaben⸗Inſtitute(jetzt Handels⸗ und Gewerbeſchule) von C. Schwarz in Oſthofen und abſolvirte im Herbſte 1859 die Definitorialprüfung als Volksſchullehrer, wobei er ſich gleichzeitig einer Prüfung zur Uebernahme von Turnunterricht unterzog. Mit Oſtern 1861 ſiedelte er wieder nach Darmſtadt über, um ſich daſelbſt für die Maturitätsprüfung vorzubereiten und übernahm gleichzeitig eine Lehrerſtelle am Wagner'ſchen Knaben⸗Inſtitute. Zu Oſtern 1862 abſolvirte er das Maturitätsexamen am Groß⸗ herzoglichen Gymnaſium zu Darmſtadt und bezog hierauf die Univerſität Gießen, auf welcher er nach dreijährigen Studien im Frühjahr 1865 das Gymnaſiallehrer⸗Examen vom mathematiſch⸗ naturwiſſenſchaftlichen Standpunkte aus beſtand. Hierauf trat er ſeinen Acceß an Großherzoglicher Realſchule zu Darmſtadt an und übernahm dabei abermals eine Lehrerſtelle am Wagner'ſchen Knaben⸗Inſtitute. Im Herbſte 1868 verließ er Darmſtadt und übernahm eine Lehrerſtelle an der ſtädtiſchen höheren Töchterſchule zu Wiesbaden, auf welcher Stelle er bis Frühjahr 1870 verblieb. Laut Decretes Großherzoglicher Oberſtudien⸗Direktion wurde ihm vom 1. Mai 1870 an die Stelle eines Lehrers für Naturwiſſenſchaften am Großherzoglichen Schullehrer⸗Seminare zu Friedberg. proviſoriſch und mittelſt Allerhöchſten Dekretes vom 12. October dieſelbe Stelle definitiv übertragen.

2. Mit Beginn des Schuljahres wurde das Lehrgebäude auswendig verputzt und hat dadurch ein ſehr ſtattliches und freundliches Ausſehen gewonnen.

3. Gleichzeitig wurde das ehemalige Burg⸗Waiſenhaus, welches im Jahr 1830 von der von Schrautenbach'ſchen Stiftung zu Seminarzwecken erkauft und bisher von einem der Lehrer bewohnt worden war, abgebrochen, wodurch der Hof bedeutend vergrößert und die bisher theilweiſe verdeckte Fronte des Schlafhauſes freier geſtellt worden iſt.

4. Am 19. Mai wurde der Schüler II. Klaſſe Martin Kiſſel aus Heppenheim an der Wieſe wegen eines im Seminar begangenen Diebſtahls für immer aus der Anſtalt ausgewieſen.

5. Im Juni wurde der Hof mittelſt einer eiſernen Staketenwand, die auf einem maſſiven ſteinernen Sockel ruht, eingefriedigt und dadurch einem ſchon ſeit länger als 50 Jahren gehegten und oft ausgeſprochenen Wunſche der Anſtalt eine endliche Befriedigung gewährt.