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Erinnerungsblätter
Zwei hübsche Erinnerungen aus den stürmischen Zeiten habe ich aus der Archiv-Mappe unserer altehr- würdigen Schule genommen:
Das eine Blatt zeigt den Daß eines Mitglieds un- seres Lehrerkollegiums, Martin Müller, aus dem Jahre 1813. Herr Geistlicher Rat Dr. Karst, Pfarrer an der St. Bonifatiuskirche, hat diesen Paß seines Verwandten dem Schularchiv geschenkt.
Der Amtsgenosse Müller wollte 1815 von Frankfurt aus seine Heimat Gaualgesheim im Rheingau besuchen. Das war für ihn gar nicht so einfach. Da das linke Rhein- ufer damals von den Franzosen beschlagnahmt worden war, mußte er sich diesen Paß bei der Großherzoglichen Regierung von Frankfurt a. M. ausstellen und von dem französischen, bei dem Großherzog von Frankfurt a. M. beglaubigten Gesandten des französischen Kaiserreiches visieren lassen, um seine Angehörigen und seine Heimasd besuchen zu können. Haben wir vor wenig Jahren nicht einmal Aehnliches erlebt? Mit Grauen denke ich daran, wie ich zur Zeit der Besetzung unseres deutschen Rheins stundenlang anstehen mußte, um einen Erlaubnisschein von den Franzosen oder Amerikanern zu erhalten, da- mit ich meine rheinische Heimat, meine Eltern in Kob- lenz besuchen konnte. Die Reise führte von Frankfurt nach Limburg Siershahn- Sayn- Koblenz und dauerte Lerade 14 Stunden, eine Fahrt, wozu normal 2 ¼ Stun- den nõötig sind
Eine zweite Erinnerung aus jenen weltgeschichtlichen Tagen zeigt die Bestallungsurkunde eines ver- dienten anderen Amtsgenossen Wilhelm Schütz, die ihm unter dem 21. September 1815 von der Großherzogl. Ober- schul- und Studien-Inspektion des Departements Frank- furt a. M. ausgestellt wurde. Er war Lehrer an der Katholischen Bürgerschule, heutigen Domschule, die ja auch dem Direktor der Realschule, der heutigen Se- lektenschule, unterstand. 1816 trat er in das Lehrer- kollegium der Selektenschule ein, die er bis zum Jahre 1820 leitete. 1822 erwarb er sich den Doktortitel. 1845-47 sehörte er der Prüfungskommission für die Leiter der Drivatschulen an und trat 1854 nach 45jähriger Lehr- tätigkeit in den Ruhestand.
Bereits im Oktober 1813 stürzte unter der Wucht der Leipziger Völkerschlacht das Sanze Karten-
gebäude, das französische Willkürherrschaft in deutschen Landen errichtet hatte, elend zusammen, und deutsches Nationalbewußtsein erstarkte in harten Kämpfen und ehrlichem Pingen, die sich durch das 19. Jahrhundert hindurch zogen und ihre Krönung am 18. Januar 1871 mit der PDroklamierung des Deutschen fanden.
Kaiserreiches
Aus dieser Zeit stammen die beiden Briefe von unserem Frankfurter Mundartdichter Friedrich Stoltze(21. 11. 1816— 28. 3. 1891), dem Herausgeber der„Krebbelzeitung(1822) und der„Frankfurter Latern“ (1860/66 und 1872 ff), dem Verfasser der Frankfurter Dialekterzählungen und Sedichte.
Derselbe hatte seine beiden Buben, Hermann und Friedrich, unserer Schule anvertraut.
Das erste Schreiben beweist, daß Bubenstreiche im- mer gewesen sind und daß wir halt unsere Jugend mit einem gesunden und unverwüstlichen Optimismus erziehen müssen.
Das zweite Schreiben ist die Antwort der Eltern Stoltze auf das Beileid der Schule zum Tode des früh vollendeten, hoffnungsvollen Friedrich, das Eltern und Schule gleichen Trost bietet: Im Jahre 1877 legte Friedrich mit bestem Erfolg seine Reifeprüfung bei uns ab.
Sein bester Freund, Herr Direktor Heinrich Schauer, cin warmer Freund unserer Schule, dessen Name Sleich- falls die Ehrenurkunde ziert, lebt in bestem Wohl- befinden in Frankfurt a. M.-West. Er hat mir manchen anderen Streich der beiden Brüder erzählt, aber auch von der energischen, oft originellen Erziehungsmethode
des Dichter-Vaters.
Die Ehrenurkunde, die die Abiturienten als Ausdruck ihres Dankes der Schule bei ihrem Abgange überreichten, ehrt die Schule und die Schüler.
Den alten Geist der Schule wollen wir in Treue hüten: Ernstes Studium, Pflege des religiösen und vaterlän- dischen Sinnes, Vertrauen zwischen Lehrern, Eltern und Schülern, innere Verbundenheit über die Schulzeit hin-
aus: Das ist das Erbe, für dessen Erhaltung alle, Lehrer, Schüler, Eltern, Freunde der Schule ernste Verantwortung tragen.


