26
Nach Begrüßung der Festteilnehmer führte der Unterzeichnete in seiner Ansprache etwa folgendes aus:
„Eine Schulfeier, wie die heutige ist, veranstalten wir in erster Linie für unsere Schüler und Schülerinnen: Unsere liebe Schuljugend hat zum scelischen Gedeihen viel ÜEreude nötig, und diese Froude möchten wir den Kindern auch durch unsere Schulfestlichkeiten geben als notwendiges Gegengewicht zu der ernsten Arbeit im Unterricht, zu der strengen geistigen Zucht, ohne die es in der Schule nun einmal nicht geht. Wenn unserc Schüler und
Schäülerinnen noch in späten Jahren an die schönen Weihnachtsfeiern mit den brennenden Christbäumen, die sie selbst schmücken durſten, und an all die anderen Festlichkeiten, die — so Gott will— noch ſolgen werden, mit Freude zurückdenken, sie zu den Lichtpunkten ihrer Schulzeit zählen, dann haben diese Feiern, glaube ich, den Segen gewirkt, den wir Lehrer durch sie unsern Kindern bringen wollten.
Aber die Schulfestlichkeiten dienen noch einem andern, ebenso schönen Zweck. Wie die Kinder durch sie frühzeitig einsehen lernen, daß Lehrer uad Schüler ein gemeinsames Band umschlingen muß, wie das Gefühl der Zusammengehörigkeit in den Schülern. die einer Schule angehören, früh geweckt werden soll, so mögen anderseits unsere Feiern dazu bei- tragen, auch die Beziehungen der Eltern zur Schule immer herzlicher zu gestalten. Bringen Sie, verehrte Eltern, meinen werten Herren Kollegen und mir, denen Sie Ihr Liebstes, Ihre Kinder, anvertraut haben, nun auch volles Vertrauen entgegen. Kommen Sie oft und gern zu uns, nicht nur, wenn wir Sie rufen, damit wir gemeinsam das Wohl und Wehe Ihrer Jungen und Mädchen beraten können. Wir möchten nicht nur kenntnisreiche Menschen aus unsern Schülern und Schülerinnen machen, sondern auch feste Charaktere, tatkräftige Männer und edle Frauen heranbilden. Wir möchten auch all das Gute entwickeln, das in den Seelen aller Ihrer Kinder reichlich schlummert, das aber frühzeitig geweckt und dann sorgsam gepflegt werden muß. Dazu bedürfen wir unbedingt Ihrer treuen Mitarbeit— immer unter strenger Wahrung der Autorität der Schule gegenüber den Kindern— und Ihres ganzen Vertcauens.
Wenn wir, liebe Eltern, so einmütig zusammenarbeiten, dann können wir getrost der Zukunſt unserer Kinder entgegensehen, dann wird die Rödelheimer Realschule weiterblühen und sich bald würdig einreihen in die stattliche Gemeinde der höheren Knabenschulen der stolzen Stadt am Main.
Selbst während der Weihnachtsferien, liebe Eltern, bitten wir um Ihre wertvolle Mithilfe. Wir wollen in dieser festlichen Zeit, wo die Kinder so besonders empfänglich für alles Gute sind, eine Tugend in die Herzen unserer Schüler und Schülerinnen pflanzen, die wohl die schönste aller menschlichen Tugenden genannt werden darf: die Tugend der Mild tätig- kKeit, des Mitleids mit den Armen FErzählon auch Sie den Kindern, schon unsern Kleinsten, daß es viele kleine Jungen und Mädchen gibt, die gleichfalls artig und fleißig waren, die ebenso freudig wie die unsrigen das schöne Fest herbeiwünschen und ebenso sehnsüchtig die TIerrlichkoiten anstaunen, die in den Schaufenstern so verlockend prangen, denen aber all das Schöne versagt bleibt, die am Christabend vielleicht hungern und frieren müssen! Dann wird das Mitleid mit den Armen in den Herzen unserer Kleinen aufkeimen, und sie werden bewußt und gern mit ihrem bescheidenen Teil dazu beitragen, dem Elend zu steuern. Schenken auch Sie, licbe Eltern, uns für die armen Kinder altes Spielzeug, alte Kleidung und aadere Sachen, die bei Ihnen unbenutzt auf dem Boden lagern, während sie in den Familien der Armen noch hellen Weihnachtsjubel erwecken und manchen schweren Kummer verscheuchen können. Wir Lehrer sind das ganze Jahr über gern bereit, Ihre Gaben weiterzusenden und für gerechte Verteilung Sorge zu tragen.
Fast alle von Euch, liebe Schüler und Schülerinnen, sind so glücklich, eine Euch liebende Mutter und einen unermüdlich für Euch schaffenden Vater noch zu besitzen, die Euch, oft unter eigenen Entbehrungen, umsorgen und nun mit lieber Hand den Weihnachtstisch bereiten. Was tut Ihr dafür? Womit könnt Ihr diese treue, Selbstlose Elternliebe vergelten? Nun, ich denke, durch fleihiges Arbeiten, durch treue Pflichterfüllung in der Schule und im Hause, aber auch—und das ist ebenso wichtig— durch gutes Betragen und unbedingten Gehorsam gegen Eltern und Lehrer und durch gesittetes Verhalten auch dann, wenn wir Euch nichtsehen! Ihr werdet es später verstehen, daß wir. Eure Eltern und Lehrer, gegen Euch streng sein müssen und viel von Euch fordern müssen, weil wir es gut mit Euch meinen und tüchtige Menschen aus Euch machen möchten. Vergeßt nicht, daß die Tage kommen werden— und Ihr alle werdet sie erleben und wiht nicht, wann— wo Vater und Mutter für immer von Euch genommen werden. Bis zu jenen trüben Tagen(möchten sie noch in weiter, weiter Ferne liegen!) müßt Ihr Euren Eltern alle Liebe reichſich vergolten haben, sonst macht Ihr Euch bittere Vorwürfe. Dann aber ist es zu spät, und das Glück Eures weiteren Lebens ist getrübt. Daran denkt immer, wenn Ihr in Versuchung kommt, etwas


