Und so wirkte May am liebsten und am tiefsten auf dem Gebiet der Religions- philosophie. Auf dem Gebiet, das, durch die Jahrtausende hindurch, das Judentum zur Auseinandersetzung zwingt mit den geistigen Mâchten der Geschichte, der Gegen- wart und der Zukunft, kurz mit der gesamten Umwelt des Judentums. Eine gewaltige Aufgabe, der nur ein umfassender Geist und ein unermüdlicher Fleiss, getragen und beschwingt von einem bis zur Utopie sieghaften Wollen, gewachsen sind.
Und hier hat May nicht nur die innere Gewissheit der guten pädagogischen Tat erlebt:
Ein neuer staatlicher Dezernent des Philanthropins kam vom Provinzialschulkol- legium zur Revision. Ein Dezernent, der sich zur sozialistischen Weltanschauung be- kennt. Der Direktor führte ihn auch in eine Religionsstunde Mays, und zwar in die Oberprima, natürlich unvorbereitet. Und da ward das ganze Wesen des Judentums lebendig, erst im Schülervortrag und dann im Lehrgespräch, an dem sich auf das leb- hafteste auch die Oberprimanerinnen beteiligten, im Lehrgespräch, von den Propheten über Maimonides und Spinoza bis zu Hermann Cohen. In einem Lehrgespräch voll innerster Anteilnahme und von selbstverständlicher Lebhaftigkeit. Und der neue Herr hörte immer beteiligter zu. Am Schluss sagte er Dr. May, wie sehr der Unterricht ihn gefesselt habe. Dem Direktor erklärte er noch, dass er persönlich viel aus dieser Stunde mitnehme.
So war May, einst von Markus Horovitz, dem Begründer und Freund der„Ein- heitsgemeinde“, nach Frankfurt berufen, von Adler ins Philanthropin eingeführt, und vom gegenwärtigen Direktor zum ordentlichen Mitglied des Kollegiums gemacht, einer derjenigen, die die„Einheitsgemeinde“, so schwer ihre restlose Verwirklichung sein mag, — nur durch Ehrfurcht vor der Überzeugung aller ist sie möglich—, so war May einer derjenigen, die die Einheitsgemeinde täglich neu erwerben, um sie zu besitzen und sie dadurch täglich neu erstehen lassen.
Und dass ihm diese Aufgabe, die schwerste, aber im Grunde die selbstverständ-
lichste und schönste, die es für einen Religionslehrer geben kann, in aller Gewissen-
haftigkeit und bei aller Treue der eigenen Uberzeugung gegenüber restlos gelungen ist, das dürfen an dieser Bahre gerade diejenigen bezeugen, die auf einem anderen religiösen Standpunkt stehen als Dr. May.
Mit diesem Bekenntnis einer höheren Einheit im Geiste unserer Gemeinschaft nehmen wir, das Kollegium des Philanthropins, von Dir Abschied, unser lieber Benjamin May! Nicht nur Deine Schüler, wir alle haben von Dir gelernt. Und auch dafür sind wir Dir dankbar. Du hast Deinen Gott geliebt, und Dein Judentum, von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und aus aller Kraft. Und Du hast sie als Herold verkündet, uns, und allen anderen, in der jüdischen Gemeinschaft und weit darüber hinaus, überall, wo es Dir gegeben war, aufzutreten und zu wirken. In Wahrheit, in Treue, in Liebe, klar und laut. Du warst ein mutiger Führer und ein guter, kindlich guter Mensch.
Ziehe hin in Frieden!
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