Jahrgang 
1929
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1....... zu hören, wie die geistigen Freunde der engeren und weiteren Gemeinschaft ihn ver- stehen und würdigen.)

Auch in dem Pàdagogen May lebte und bebte das Naturgewaltige, das Elementare des Elsässer Humanisten des 16. Jahrhunderts:

Rückhaltlos, ohne Vorbehalt, ohne Schonung der eigenen Kraft und der eigenen Bequemlichkeit, ganz hingegeben dem Geist und dem Worte Gottes, die er lehrte und lebte, war May die verkörperte grenzenlose Liebe zur Jugend.

Begnadet, Seelen zu erfassen und hochzureissen, war er, hoch hinaus über alles, was Didaktik und Methodik, deren Literatur er übrigens von seinem Berliner Univer- sitätslehrer Münch her vollendet beherrschte, dem Lehrer zu geben vermögen, der ge- borene Pädagoge, also ein Entfessler und Entfalter jedes guten Kerns, der stets wohl- vorbereitete, vollendete Fachmann, der Meister der Lehre und des Wortes, der stürmende und stürmische Führer der Seelen. Vor seinem heischenden Wort wandelte sich jede Gleichgültigkeit in heisses Drängen nach Entscheidung.

Das Geheimnis seiner Wirkung auf die Jugend lag in der tiefen Ergriffenheit seines Herzens, in der Wahrheit seines unendlichen Ringens mit sich selbst und mit Gott, in dem Bewusstsein einer unendlich tiefen und unendlich hohen Aufgabe, in der Freude seiner Mission und, nicht zuletzt, in der Einheit der inneren und äusseren Stimme.

Alle Gewalten Gottes und der Natur wurden in ihr lebendig, vom Sinai bis zum Aetna, wenn er, des Gottes voll, hingerissen vom Geist seines Gottes und vom Geist seiner Gemeinschaft, in allen Tönen das tiefe Geheimnis kündete. Wenn er, im diony- sischen Worte selbst zum Propheten sich erhöhend, Wollen und Wirken und Wesen der Propheten Israels der atemlos lauschenden Oberstufe heraufbeschwor und in die gespannten, jugendlich heissen Herzen hineinwarf.

Der Oberstufe! Ihr galt seine besondere Teilnahme, seine besondere Vorbereitung, sein besonderer Fleiss, seine besondere Aufgabe. In seinem pädagogischen Vermächtnis, das gerade am Tage seiner Beisetzung erscheint, imGemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde, Frankfurt a. M., in dem AufsatzVom Berufe des Religionslehrers weist er wiederholt wörtlich hin auf den Lehrer,der von Obersekunda bis Oberprima unter- richtet

Denn er wusste: Die Persönlichkeit in ihrer endgültigen Ausprägung wird geformt, inmitten von Zweifeln, Krisen und Stürmen, in den entscheidenden Jahren der geistigen Reifung nach dem 15. Lebensjahr. Hier erst wird der künftige Mensch geprägt, hier erst erhält er die geistige Schärfung und die eigenwertige Kraft des Urteils, hier erst erkäůmpft er durch Stählung und Prüfung, durch Wettbewerb, Selbstbesinnung und Vertiefung, den Härtegrad des Charakters, ohne den alles Lernen und alles Wissen umsonst ist. Hier erst wird er in Wahrheit gestählt, geschmiedet, also erst endgültig geformt, endgültiggebildet.

So wichtig und so ernst für die Erziehung auch die Zeit des Kleinkinds und der Vor-Pubertät sein mag, erst diese und nur diese, die reifere Jugend, erst die Jugend, die anfängt ein eigenes, oft eigenwilliges Urteil und Ideal zu haben und bewusst ein eigenes, oft widerspruchsvoll-rätselhaftes Wesen zu sein, erst diese und nur diese Jugend ist die wahre Zukunft der Gemeinschaft, der sie sich aus Uberzeugung und Liebe hingibt, und der sie, schweigend, Treue gelobt.

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