Jahrgang 
1929
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Benjamin May, wenn man ihn zum erstenmal sah, aber auch, gerade wenn man in seine innere Welt vorgedrungen war, bot das Bild eines Elsässer Humanisten des 16. Jahrhunderts. Eines Elsässers: Er war der Sohn eines elsässischen Weinbauern und stammte aus dem Dorfe Westhofen. Der Blick des Knaben, der mit beiden Beinen fest auf der Erde stand, ein kräftiger, gedrungener, breitgebauter, muskulöser, lebhafter Dorfjunge, schweifte über das Heimatdorf im Westen hinaus und hinauf in die dunklen Tannenwälder der Vogesen und im Osten über den Rhein in die geheimnisvollen Wald- berge des Schwarzwaldes. Vierschrötige Haltung und freundliche Sprachmelodie des robusten Elsässers sind ihm geblieben durch all' die Wandlungen hindurch, bis von dem guten JahrgangBenjamin des väterlichen Weinbauern der schäumende Most längst zu einer herben, aber feurigen Wesensmischung umgegoren war. Elsässer nach körper- licher und geistiger Eigenart, blieb er Zeit seines Lebens massig und schwer und ge- wichtig und von der romanischen Rundung, die von jenseits des Wasgaus lockte, äusser- lich nur widerwillig ausgeeckt.

Trotzdem im Innersten, bei aller herben Selbstbehauptung, angezogen von den Reizen der Romanen und ihrer Gefälligkeit in Form und Geist, ein Kenner und Freund der Anmut, die in seinem eigenen, kindlichen und doch so vergeistigten Lächeln spielte, nicht blind für die Schönheit des Lebens, die sein tiefes, sinnendes Auge freudig aufnahm, und doch, ein Mann nur mit bewusstem Vorbehalt modern. Eben eine Persönlichkeit des 16. Jahrhunderts: noch ungebrochen von aller niederdrückenden, zersetzenden Problematik, noch ganz verbunden der Muttererde, der Natur, nicht angekränkelt von irgendwelcher fanatischer Einseitigkeit, stark und wuchtig in jeder Aeusserung eines gesund geborenen, urkräftigen Temperaments, vom herzlichen Lachen bis zum Donner der Entrüstung. Aber ein Humanist des 16. Jahrhunderts, wie sie gerade das Elsass in starker Ausprägung hervorgebracht hat: voll reiner Freude über die täglich neu entdeckten Feinheiten des klassischen Altertums, seiner Stile und Sprachen, seiner Menschen und Gedanken. Ein besinnlicher, kritischer, abwägender, grübelnder und bohrender, bis zum Fanatismus fleissiger, körperlich und geistig starker und genussfühiger Elsässer Humanist des 16 Jahrhunderts, dem das Gymnasium, auf elsässischem Boden im 16. Jahrhundert entstanden, die Pflanzstätte wurde eines hohen, in ihm stets wachgebliebenen Lebensideals: vom Humanismus, vom Studium der antiken, allmenschlichen Quellen, zur Humanität, zur Menschenfreundlichkeit, zur allumfassenden Menschepliebe. Denn Benjamin May, bei all seiner bodenständigen Derbheit, war ein freundlicher, zartfühlender Charakter, so zartfühlend und empfindsam, dass er sein Innerstes gern mit Gepolter überdeckte, ein Wesen, erfüllt von wahrer, kindlicher Liebe.

Und wem galt seine geistige Liebe? Dem Studium der Quellen der Antike, der griechischen, römischen, jüdischen.

Und als er die Universität verliess, überreichte er als Doktorarbeit ein Thema, das gewiss nicht am Wege lag:Die Mädchenerziehung von Plato bis ins 18. Jahrhundert.

Er hatte gewählt: er wurde Pädagoge. Einer von jenen, die in vollendeter Be- herrschung des Faches einzugehen wissen auf das Seelenleben der Jugendlichen, dieses so oft widerspruchsvoll verschlossene Geheimnis menschlicher Knospen und Blüten, auf das Seelenleben auch der Mädchen.(Darum hätte es ihn gefreut zu wissen, dass in dieser Abschiedsstunde neben den Jünglingen auch die jungen Mädchen der Oberstufe unseres Reform-Realgymnasiums gekommen sind, um dem Lehrer zu danken und zu sehen und

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