Darum giht es hier oft verblüffende Augenblicke: Wer hätte gedacht, daß ein rot- backiger, heiterer Quartaner sich die ernsthaftesten Gedanken gerade über die„Todes- strafe“ macht, oder ein ganz harmloser Sextaner über die Frage„Warum wird man ein Dieb?“ Und dabei nicht die Spur grüblerisch oder gar krankhaft. sondern mitten aus den Erfahrungen und den Gesprächen des Lebens heraus. aber doch so echt und so stark und so kindlich lebhaft, daßt er eine ganze Stunde lang nicht müde wird zu fragen und immer wieder zu fragen, und die anderen mitreißt und zum Nachdenken, oder zur Widerrede bringt.———
Drei lange Wege ziehen durch den„Gesamtunterricht“, von keinem Teilnehmer auf die Dauer zu umgehen. der Zukunft zu: Der erste, breiteste. beginnt mit dem Wegweiser:„Von der Naivität durch Ungebrochenheit zur Totalität der Persönlichkeit“. Der zweite, schmalere, nicht ganz so bequem zu gehen, führt vom Ich weg durch die Ordnung, die„Geschäftsordnung“ der Aussprache, also durch die For m, dann aber durch die unbedingte. strengstens zu wahrende„Rück-Sicht“ auf jede„An-Sicht“. und jede, noch so seltsam klingende Meinung und Aeufßerung. also durch den Geist, zur Gemeinschaft der Gleichen, der Staatsbü rger? mit ihrer im Gesamt- unterricht Schritt für Schritt zu erlernenden Selbstregierung, Einordnung und Unter- ordnung, also zur Soziabilität. 3
Der dritte, engste. führt langsam und in vielen, nur mit trainierter Geduld zu nehmenden Windungen über das Staunen, Zweifeln. Erproben, Ausscheiden. Erkennen und Urteilen, vom Nichtwissen und vom Irrtum zum Sinn für wissenschaftliche Wahr- heit. und. darüber hinaus, am Ende zur stummen Ehrfurcht vor der überwissenschaft- lichen Weisheit der irrationalen Mächte.
Themata des„Gesamtunterrichts“ im Schuljahr 1928/29.
Auf Korea und auf Sachalin. Religiöse Tänze.
Grenzen der Freiheit.— Zur Geschichte der Nordpolexpeditionen, von Barents zu Andree.— Wissenschaftlicher Ehrgeiz.
Die Krankenschwester.
Xussterbende Völker(Naturvölker).
Pfadfinder und Jugendbewegung.
Die geistigen Strömungen in dem Judentum der Gegenwart.
Unsere Sommerferienfahrt an den Bodensce.
Auf dem Gemüse- und Obstmarkt in Frankreich(Besuch der Sexta des Reform-Real- gymnasiums bei der Quinta des Lyzeums.)— Zähmung und Dressur von Tieren.
Okkultismus(Faust) und Gedankenübertragung.
Rundfunk und Schulfunk.
Der Sinn des Instanzenweges.
Der Pariser Völkervertrag zur Aechtung des krieges(Kellogg-Pakt).
Die Fremdenlegion.
Die Ursachen des Weltkrieges.
Der jüngste Goethepreisträger der Stadt Frankfurt(Albert Schweitzer) und sein Menschentum.
Von unserer Studienfahrt in die Rhön.(Untersekunda des Lyzeums.)
Ein Messias in Indien.
Disziplin und Freiheit.
Die Dreyfus-Affäre in ihren politischen und weltpolitischen Folgen.
Ausgrabungen als Geschichtsquelle.(Von Ur zur Saalburg.)
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