Am Tage der Reichstagswahl ging es nach Nürnberg, der letzten Etappe. zugleich dem Höhepunkt der Fahrt, dem Besuche der Dürer-Jahrhundert-Ausstellung.
Die Fülle der Denkmäler und der notwendigen Besichtigungen mufte für die noch vorhandenen drei Tage rasch zu einer Uebermüdung und Uebersättigung führen. die es geboten erscheinen lieften. das Hauptgewicht auf das auch aus ausländischen Museen zusammengestellte Lebenswerk Dürers zu legen.
Neben den drei Hauptkirchen: St. Lorenz. St. Sebald und der Frauenkirche be- suchten wir die Burg mit ihrem Museum und fünfekkigem Turm, der„Folterkam- mer“, die das finstere Mittelalter mit sehr drastischen Instrumenten und noch drasti- scheren Erklärungen seitens der Führung versinnbildlichte.
Die seelenlose Nachahmung der mittelalterlichen Kultur konnten wir in dem noch bis vor dem Kriege durchs bayerische Herrscherhaus bewohnten Teil der Burg ebenfalls kennenlernen.
An einem Abend erlebten wir die zwingende Gewalt des alten Volksstils vom Dr. Faust und Hans Sachsscher Schwänke. in der ehemaligen Meistersingerkirche.
Den tiefsten Eindruck aber hinterließ doch für uns alle die große Dürer-Aus- stellung im Germanischen Museum anläßlich der Wiederkehr des 400. Todestages Dürers am 6. April 1928.
Gegenüber fast sämtlichen großen Werken, den religiösen Darstellungen in der Malerei. den Porträts und dem gesamten graphischen Werk. löste bei uns eine Handzeichnung. das Bildnis seiner Mutter, die stärkste Wirkung aus. Diese Kohle- zeichnung ist vielleicht das Erschütterndste, was jemals ein deutscher Künstler schuf. In einer Kunsthandlung kauften wir die letzten noch vorhandenen, sehr guten, von der Reichsdruckerei hergestellten Reproduktionen dieses Blattes. 3
Am Morgen vor der Abreise benutzten wir die kurze, uns noch verbleibende Zeit zu einem Rundgange durch die Altstadt, um die Fülle und den Reichtum an alten Herrensitzen und Patrizierhäusern, mit kleinen., in der Qualität der handwerk- lichen Ausführung oft sehr wertvollen Finzelheiten, uns nochmals einzuprägen.
Am 23. Mai, nach fast achttägiger Reise, trafen wir in bester Stimmung wieder in Frankfurt ein.
Heute, nach dem Verlauf eines Jahres, ist mir das Erlebte noch in lebendiger Er- innerung. und ich hoffe, daſt der Geist solcher Fahrten dazu beitragen möge, unser gesamtes Schulleben so zu gestalten. daß unsere Schüler auch in späteren Jahren nur mit Freude und Dankbarkeit an ihre Schulzeit zurtickzudenken vermögen.
P. Wilhelm Maurer.
h) Der„Gesamtunterricht.“
Im Gesamtunterricht sprechen nicht Schüler, nicht Zöglinge“. Da sprechen Menschen. FEinander und dir innerlich voll gleichberechtigt. Werdende, Wachsende. Ringende. Tastende. Suchende, Fragende. Zweifelnde. Hoffende. Träumende. Besinn- liche und Stürmische. Alle aber jung in der Spannung des Zukünftigen, des kommen- den Unbekannten. alle gegenwartfreudig und doch innerlich nur der Zukunft zuge- wandt, ganze Menschen, noch ohne künstliche Trennung nach Fächern und Zeiten des Stundenplanes. Ungebrochen in ihren Empfindungen, beneidenswert einseitig in Vor- liebe und Abneigung.
Der Gesamtunterricht sagt ihnen: Hier bist du Mensch, hier darfst du's sein. Und nur Mensch.
Der Fachunterricht, beim besten Willen und Können, darf sich das nicht leisten. Der Fachunterricht darf seinen geraden Weg nur ganz ausnahmsweise ver- lassen. Wo bliebe das Ergebnis der Stunde, der Woche, des Monats, des Jahres? Wo
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