Aber nicht nur das Kennenlernen und die Aneignung von Wissensstoff über kulturelle und geschichtliche Bedingtheiten vergangener Jahrhunderte soll das Ziel einer solchen Studienfahrt sein; darüber hinaus muß das gemeinsame Leben und Er- leben von Lehrer und Schüler im Mittelpunkt stehen; ist dies doch die beste Gelegenheit für den Erzieher, den ihm anvertrauten jungen Menschen innerlich näher zu kommen, besser. als es in dem üblichen Schulbetrieb möglich ist.
Diese beiden Gesichtspunkte waren für uns maſfigebend auf unserer Fahrt. Immer kommt es bei solchen Gelegenheiten in erster Linie auf das innere Erfassen und Erleben des Geschauten an und nicht darauf, daß möglichst viel gesehen und reich- lich Stoff für gute Aufsätze und Protokolle gesammelt wird. Daß dies Ziel erreicht wurde, beweisen unter anderem die aus dieser Fahrt hervorgegangenen künstle- rischen Arbeiten der Klasse.
Die Reise begann am Donnerstag, den 16. Mai. mit dem vorläufigen Ziel: Würz- burg. Der fränkische Barock, die Künstlerpersönlichkeit eines Balthasar Neumann, waren neben dem Dom mit seinen Grabdenkmälern und der Schönbornschen Kapelle. die hauptsächlichsten Studiengebiete. Das Grabmal des Franz von Scheerenberg. des machtvollen Fürstbischofs aus der Zeit der Bauernkriege, von Till Riemenschneider hinterließ einen tiefen Eindruck, und der Besuch der Marienburg bildete den würdi- gen Abschluß des ersten Tages.
Wir verbrachten eine Nacht sehr gut in einer ehemaligen alten Trainkaserne. In ihren Räumen hing allerdings trotz vieler Gegenbemühungen immer noch ein unfreund- liches Grau, das namentlich unseren Schülerinnen anfangs ein wenig unbehaglich war. Am nächsten Tag ging es nach einem Besuch des Schlolfigartens und des Stifts Haugh nach Rothenburg.
Die einstige alte Reichsstadt, mit ihren prachtvollen Gäfichen und wundervollen malerischen Winkeln, Türmen und Wehr mauern, empfing uns wegen der in den nächsten Tagen stattfindenden Reichstagswahl im Flaggenschmuck.
Die Jugendherberge befindet sich bei Detwang im Taubertal in der„Pulver- mühlen. Abgesehen von einer etwas zu engen Schlafkammer der Jungen, in der wegen Ueberfüllung auch die Führer mit unterkommen muftten, und in der man beim Be- steigen der Schlaftribünen auf jede Art und Weise hängen bleiben konnte, war nichts Beängstigendes mit dem Namen dieses Ortes verbunden, der prachtvoll zwischen blühenden Obstbäumen im Taubertal eingebettet lag.
Die ganze Stadt ist Denkmal, und man genieftt sie am meisten beim einfachen Herumschlendern. Rund um den Wehrgang, im alten Landsknechtsschritt, zu deutsch „Gänsemarsch“, vorbei am Hummereck, dem Weiberturm und dem Faulturm mit seinem sagenhaften Gesundbrunnen, durch finstere Bastionen, mit alten Kanonen be- stückt, die aber durch die lange Zeit, in der sie das Maul zu halten gezwungen, zahm geworden sind, führte uns der gedeckte Pfad.
Nur einmal im Jahr dürfen sie noch donnern, wenn nämlich Tilly(alljährlich an Pfingsten) die Stadt belagert, sie auch programmäſiig einnimmt, um sich hierauf im Rathaussaal auf deutsch etwas vortrinken zu lassen.
Auch wir benutzten die Gelegenheit, nach einer Besichtigung des Rathauses und der Stadtkirche St. Jakob mit dem Blutaltar von Till Riemenschneider, dem tapferen Bürgermeister Nusch Punkt 12 Uhr vom Rathausplatz aus ein kräftiges Prosit fün seinen in Wahrheit befreienden Trunk zuzurufen.
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