Jahrgang 
1915
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dem an Euch ergangenen Rufe zum Mithelfen gefolgt, und so ist es mir während meiner Tätigkeit als Komman- dant des Bahnschutzes(Abschnitt A, Südbahnhol) eine große Genugtuung gewesen, Euch im Wechsel mit den Kameraden anderer Schulen bei der Bewirtung der hinaus- ziehenden Krieger und der Rückkehr der Verwundeten zu jeder Tageszeit in voller Tätigkeit und regem Dienst- eiler zu sehen. Durch Konzerte, Sammlungen in und außerhalb der Schule, Einziehung des Goldes, Einsammeln des Metalles, Verteilung der Brotscheine, Mitwirkung an der Volkszählung, Zeichnung der Kriegsanleihe habt Ihr an den vielseitigen Aufgaben der Kriegsfürsorge und den Pflichten des künftigen Staatsbürgers, ein jeder in einer seinem Alter entsprechenden Weise, treulich mitgearbeitet und dadurch reiche innere Befriedigung erworben.

Was habt Ihr aber nebenbei durch diese dem Wohle des Vaterlandes geltende Arbeit ſür Euer Leben gelernt? Ihr seid gewiß von selbst zur Einsicht gelangt, daß Ihr weit mehr zu leisten vermochtet, als Ihr je vorber geahnt habt. Während Ihr sonst nur allzu leicht geneigt waret, durch Eure Vertrauensschüler dem Lehrer darzulegen, daß er Euch zuviel Arbeit zugemutet habe, seid Ihr jetzt da- von überzeugt worden, daß Ihr bei richtiger Ausnützung der Zeit und gutem Willen weit mehr als früher zu leisten imstande seid, ohne daß eine Gelahr für Eure Gesundheit entsteht. Ihr habt ferner erkannt, wieviel sich erreichen läßt, wenn alle einem einheitlichen Ziele zustreben, ein jeder auf seinem Posten, er möge noch so klein und un- bedeutend erscheinen. Die Mahnung, auch im kleinen sparsam zu sein, die ich andauernd an Euch gerichtet habe, wird Euch jetzt bei der Notwendigkeit, sich überall Entbehrungen auzuerlegen, selbst im Verbrauch der Lebensmittel, in wesentlich anderem Lichte erscheinen; so z. B. der Hinweis auf die sparsame Verwendung der Frühstücksbrötchen, deren Überreste oft unter den Bänken und auf dem Spielplatze zu ſinden waren, ferner die seit Jahren üblichen Sammlungen von abgestempelten deutschen Brieimarken, verbrauchten Stahlfedern und Staniol, die Ihr nach der Einsammlung in jeder Klasse durch die von Euch damit beauftragten Vertrauensschüler an jedem Sonnabend an der Hauptsammelstelle im Sekretariats- zimmer ablielfert.

Was Ihr im kleinen hier beobachtet und gepflegt habt, erlebt Ihr jetzt im großen. Ihr seht, wie die städtischen und staatlichen Behörden, denen in dieser schweren Kriegs- zeit die größten Opfer für die Fürsorgé der Angehörigen der hinausgezogenen Krieger auferlegt werden, trotz der weitgehenden Unterstützungen, welche die Kriegsfürsorge in Verbindung mit der privaten Wohltätigkeit in geradezu erstaunlich opferwilliger Weise leistet, immer wieder auf die größte Sparsamkeit und Einschränkung aller Bedüri- nisse hinweisen, damit den außergewöhnlichen, mit der

2 Dauer des Krieges sich steigernden Aniforderungen im vollen Umſange entsprochen werden kann.

Wirkt also gegenseitig in diesem Sinne auf einander ein, nehmt den Ernst der Zeit in Euch auf und vergegen- wärtigt Euch stets, wie viele taplere Krieger täglich auf dem Hltar des Vaterlandes ihr Leben oplern. Immer neuen Ansporn, Euch dem geliebten Vaterlande nützlich zu erweisen, empſangt Ihr durch die Verkündigung der gewaltigen Siege unseres tapferen Heeres und unserer todesmutigen Flotte, Ereignisse, die im Hèrzen der Jugend widerhallen und nie im Leben vergessen werden. Seid stolz darauf, daß da draußen auch Eure Lehrer und so viele Eurer Kameraden, die kurz zuvor noch Eure Mit- schüler waren, an dem großen Völkerringen teilnehmen, nach heißen Kämplen aul blutgetränkten Schlachtieldern verwundet heimgekehrt sind, oftmals geschmückt mit dem Eisernen Kreuz, gedenkt in stiller Trauer der Hinter- bliebenen derer, die den Heldentod fürs Vaterland ge- storben sind. So werdet Ihr den dahingeschiedenen Herrn Oberlehrer Gsell von der Sachsenhäuser Oberrealschule, den Ihr während seiner vorübergehenden Tätigkeit an der Musterschule lieb gewonnen habt, nie vergessen, und ebenso werden die zahlreichen Pfadſinder dem unermũd- lichen Führer und Leiter des hiesigen Pfadfindervereins, Herrn Oberlehrer Löxenstein von der Klinger-Ober- realschule, ein dankbdkes Gedenken bewahren.

Mit besonderer Freude begrüßt Ihr mit uns Euren lieben Lehrer, Herrn Professor Dr. Reinhardt, der in- folge seiner außergewöhnlichen Tüchtigkeit vom Haupt- mann zum Major und Bataillonskommandeur befördert und wegen seiner Tapferkeit vor dem Feinde durch Ver- leihung des Eisernen Kreuzes 2. und 1. Klasse ausge- zeichnet worden ist; und mit Stolz erfüllt es die Muster- schule, daß der Bruder unseres verehrten Herrn Prol. Dr. Rausenberger, Herr Proi. Dr. ing. h. c. Hauptmann Rausenberger von der Firma Krupp-Essen dem Vater-

lande durch Erfindung der 42 cm-Geschütze so hervor-

ragende Dienste geleistet hat und dafür von den ver- schiedensten Seiten durch glänzende Auszeichnungen geehrt worden ist.

Hlles weitere über die Beteiligung von Lehrern und Schülern an den großen Kämpfen erseht Ihr aus anderen Stellen des Jahres-Berichtes.

lch möchte nur noch persönlich all den im Westen und Osten stehenden lieben Kollegen und Schülern, die mich durch Nachrichten vom Kriegsschauplatz oder während meiner Anwesenheit in St. Quentin durch ihren lieben Besuch erfreut haben, meinen herzlichen Dank aussprechen. Zu letzteren gehört auch unser früherer Schüler Prinz Wolſgang von Hessen, von dem ich Näheres über den Heldentod seines Bruders Prinz Maximilian von Hessen, der ja auch unserer Musterschule angehörte, erfuhr.