Jahrgang 
1893
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zollerndrama mit besonderer Berücksichtigung von Heinrich v. Kleist, Gutzkow und Wil- denbruch.

Die Gedä chtnistage des 15. Juni, des 18. Oktober und des 9. März wurden in ange- messener Weise begangen. Am 15. Juni gab Herr Oberlehrer Strenger ein Lebensbild Kaiser Friedrichs, am 18. Oktober und 9. März hielt der Unterzeichnete die Ansprache.

Den ordentlichen wissenschaftlichen Lehrern Dr. Portmann, Dr. Schwartze, Rönnberg, Zander, Strenger, Dr. Sulzbach, Dr. Fink und Dr. Caro wurde vom Königlichen Prov.-Schulkollegium die AmtsbezeichnungOberlehrer verliehen.

Leider haben wir auch von einem schmerzlichen Verluste zu berichten, den unsere Schule in diesem Jahre zu beklagen hatte. Am 10. November starb das älteste Mitglied unseres Lehrer- kollegiums, Herr Israel Japhet, im fünfundsiebzigsten Lebensjahre. Er hatte unserer Schule seit ihrer Gründung angehört. Geboren am 7. März 1818 in Cassel, besuchte er die dortige Gemeindeschule, sodann die dortige Lehrerbildungsanstalt und wirkte, nach bereits 1835 bestan- dener Lehrerprüfung, von 1835 bis 1842 als Lehrer an der israelitischen Gemeindeschule in Gudensberg und als Leiter einer dort gegründeten Lehr- und Erziehungsanstalt, die 1842 nach Wolfshagen und 1848 nach Cassel verlegt wurde. Seit April 1853 als ordentlicher Lehrer an unserer damals gegründeten Schule angestellt, hat er derselben fast vier Decen- nien angehört. Der heimgegangene Kollege verband ein vielseitiges Wissen mit grossem Lehrgeschick und nimmer versagender Geduld. Er gehörte zu den Lehrern, die über der eigentlichen unterrichtenden Thätigkeit nie die höhere Aufgabe der bildenden und erziehenden Einwirkung aus dem Auge verlieren. So verstand er es, sich die Liebe seiner Schülerinnen, er war seit langen Jahren Klassenlehrer der vierten Mädchenklasse, in hohem Masse zu gewinnen. Wenn auch seit einer Reihe von Jahren das zunehmende Alter eine bedeutende Entlastung nötig ma chte, so dass er nur noch eine Stunde täglich unterrichtete, so legte er doch auf die möglichst lange Beibehaltung seines Ordinariates den grössten Wert und blieb so, wenngleich mehrfach von Krankheit unterbrochen, in seiner berufsfreudigen Wirksamkeit bis wenige Wochen vor seinem Tode. Am 12. November wurde er unter allgemeiner Beteili- gung zur Ruhe bestattet. An der Bahre gab der Unterzeichnete im Namen der Schule und der Kollegen dem Gefühle der Trauer bei dem Heimgang des ältesten Mitarbeiters ehrenden Ausdruck und gedachte zugleich des Verdienstes, das er sich auch ausserhalb seiner Wirk- samkeit an der Schule durch seine in weiten jüdischen Kreisen in den Gotteshäusern ein- geführten vortrefflichen Kompositionen um die Hebung des Gottesdienstes erworben hat.

Wir hatten leider im verflossenen Jahre auch den Tod eines lieben Schülers und einer lieben Schülerin zu beklagen. Am 8. Juni starb Carl Marburger, Schüler der Quinta, im Alter von elf Jahren an einer Lungenentzündung. Er war ein braver und fleissi- ger Schüler und hatte sich durch seinen Lerneifer und seine Pflichttreue, sowie durch sein ganzes Wesen die Liebe seiner Lehrer und Mitschüler erworben. Am 30. August erlag Mathilde Cahn, Schülerin der zweiten Klasse, im Alter von dreizehn Jahren einem länge- ren Herzübel, das sie mit rührender Geduld ertragen hatte. Der Unterzeichnete konnte an ihrer Bahre die unbegrenzte Hingebung und den unermüdlichen Fleiss rühmend hervorheben, durch die sie es ermöglicht hatte, trotz der vielen durch ihr Leiden verursachten Unterbrechungen, dennoch stets zu den Besten ihrer Klasse zu gehören. Beide zarten Menschenknospen, deren Hiersein ein so frühes Ziel gesteckt war, hatten zu den schönsten Hoffnungen berechtigt.