Jahrgang 
1882
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1. An die Eltern unserer Schülerinnen!

Mit Dank und Genugthuung schicken wir uns an, Ihnen wiederum Rechenschaft abzulegen von dem, was wir im Verlaufe eines abgeschlossenen Schuljahres erstrebt haben, sowie über das, was uns in unserer Arbeit gelungen ist.

Daß wir nicht Alles errefcht haben, was wir erstrebten, brauchen wir nicht zu ver- hehlen. Es wäre schlimm bestellt mit dem Bestreben auf irgend welchem Gebiete menschlicher Thätigkeit, wenn die gesteckten Ziele überhaupt erreichbar wären. Die Schule gar wird diese Differenz stets anerkennen müssen, wenn sie ihre Arbeit selbst mit scharfen Augen prüft; und wenn die Kritik von außen her oberflächlich das Getriebe eines großen Schulorganismus beleuchtet, so wird sie wunde Stellen genug finden, an welche ein apfälliges Urteil sich heften lüßt.

In voller Ueberzeugung peginnen wir darum mit dem Danke für das Vertrauen, welches von Seiten ihres zalreichen, weitverbreiteten Freundeskreises auch in dem abgelaufenen Schuljahre der Elisabethenschule in reichlichen Beweisen zugeflossen ist. Wenn eine Schule dieses Vertrauens sich rühmen darf, so ist gewiß die Elisabethenschule hiezu berechtigt. Während drei Vierteilen eiues Jarhunderts hat sie die Töchter der besten Familien unserer Stadt in ihre mütterliche Pflege-genommen und hat sich bei ihnen ein Andenken gestiftet, welches durch drei Generationen hindurch die Anhänglichkeit und Pietät nicht hat schwinden sehen; die Enkelinnen sitzen jetzt da, wo die Großmütter die besten Stunden ihrer Jugendjahre zugebracht haben, und das menschliche Gedächtnis ist so glücklich geartet, daß es die frohen Momente auch in den kleinsten Zügen treu bewahrt, sogar mit der Zeit in wachsendem Maße einen goldenen Schimmer über dieselben verbreitet, daß hingegen die widerwärtigen Erinnerungen um so schneller und gründlicher abgeschüttelt werden.

Bei den selten gebotenen Gelegenheiten, mit diesem Freundeskreise in persönliche Berührung zu treten, hat es uns an den wohlthuendsten Beweisen dieser warmen Anhänglichkeit nicht gefehlt; ja, sagen wir noch mehr, das Vertrauen hat auch der Nachsicht nicht entbehrt, dieser unumgänglichen Ergänzung der freundlichen Bereitwilligkeit da nicht scharf zu richten, wo die Freundschaft vielmehr eine entgegenkommende Hülfeleistung gebietet als eine Zurechtweisung.

Was könnte uns bei der Sorge um das fernere Gedeihen der Schule mehr am Herzen liegen, als diese warme Freundschaft uns ungetrübt zu erhalten und stets aufs neue zu verdienen?

Wir bedauern es, daß diese Gelegenheiten sich so selten bieten, den Angehörigen unserer Schülerinnen einen Blick in das Alltagsleben unserer Schule zu gestatten; leider sind wir eben so selten in der Lage, eine vertrauliche unmittelbare Aeußerung darüber zu vernehmen, wie das allgemeine Urteil der Außenstehenden über unser Thun und Lassen sich gestaltet. Unsere