Jahrgang 
1880
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forderlichen Umgeſtaltungen erfolgt, um nicht nur den Bedürfniſſen des bürgerlichen Lebens Rechnung zu tragen und den Begriff einer höheren Bürgerſchule zu erfüllen, ſondern auch den Anſprüchen, die aus der allgemeinen Wehrpflicht erfolgen, zu genügen. Nunmehr galt es, neben der bisher und heute noch blühenden Anſtalt eine ganz neue zu organiſiren, die ſich nicht unwürdig neben die ältere Schweſter, das Gymnaſium, wagen dürfte, und die ihren Schülern aus den Sprachen, der Geſchichte und den Wiſſenſchaften der neueren Völker mit einem Schatze unentbehrlicher Kenntniſſe zugleich die allgemeine wiſſenſchaftliche Vorbildung gewähre, die das Gymnaſium mit unantaſtbarem Rechte ſeinem Kreiſe auf dem Grunde der antiken Cultur bietet. Es galt alſo, eine humane Bildungsanſtalt im vollen Sinne des Wortes zu ſchaffen. In ruhiger, ſicherer Entwicklung trat die Realſchule I. O. in's Leben; im Herbſt 1873 eröffnete der verewigte Director die Unter⸗Prima, im folgenden Herbſt die Ober⸗Prima, und im Herbſt 1875 fand die erſte Maturitätsprüfung an der Realſchule ſtatt. Den Jahren blieb es vorbehalten, immer ſtrenger den Lehrplan der Realſchule I. O. in allen Klaſſen durchzuführen. Am 5. April 1879 fand die Einweihung des neuen Realſchulgebäudes ſtatt, für deſſen Errichtung er ſeit Jahren mit unermüdlichem Eifer und mit der Sachkenntniß des mit dem wirklichen Bedürfniß auf's Beſte vertrauten Leiters der Anſtalt eingetreten war, und das ſeine vortreffliche Einrichtung auch ſeiner Erfahrung mit zu verdanken hat. Endlich rief er im Herbſt 1879 die ſchon lange erſtrebte Vorſchule, und zwar ſofort mit 202 Schülern in 4 Klaſſen, in's Leben, ſo daß die Realſchule nunmehr in einheitlicher Gliederung den geſammten Unterricht ihrer Schüler vom 6. bis zum 18. Lebensjahre umfaßt.

Neben dieſen organiſatoriſchen Aufgaben lagen die geſammten Geſchäfte der Direction einer ſo ungewöhnlich großen Schule auf ſeinen Schultern; denn der Verewigte befolgte mit ſtrenger Gewiſſenhaftigkeit den Grundſatz, alle, auch die unbedeutendſten Geſchäfte ſelbſt zu erledigen. Dabei fand er noch die Kraft, ſeine reiche pädagogiſche Erfahrung, ſeinen regen Gemeinſinn und ſeine religiöſe Geſinnung in zahlreichen Ehrenämtern zu bethätigen, zu denen ihn das Vertrauen ſeiner Mitbürger berief: ſo als Mitglied der Kreisſchulcommiſſion und des Curatoriums der höheren Mädchenſchule, als Stadtverordneter, als Kirchenvorſtand und als Abgeordneter der Decanatsſynode.

Bei der vielſeitigen Thätigkeit, die der Verewigte auf ſo verſchiedenartigen Gebieten ſegensreich entfaltete, ergibt ſich überall, als der ſein Weſen und Handeln kennzeichnende und allen Aeußerungen ſeiner Perſönlichkeit gemeinſame Zug, die ruhige Sicherheit und Kraft eines ſeiner ſelbſt gewiſſen, in ſich feſt geſchloſſenen, ſeiner Ziele bewußten, unerſchütter⸗ lichen Willens. Im Einklang mit dieſer ſeltenen inneren Uebereinſtimmung und Feſtigkeit ſeiner Natur, die ihn in allen Stellungen als denſelben und in jedem einzelnen Zuge als den ganzen Mann zeigte, ſtehen alle übrigen Merkmale ſeines Weſens; aus ihr entſpringen auch die großen Erfolge, die er zumal als Lehrer, ſowie als Mitglied und Vertreter der bürgerlichen und der kirchlichen Gemeinde errang.

Einen ſeltenen Einfluß übte er in der Schule ſchon durch die Macht ſeiner Perſönlichkeit allein aus, der ſich Keiner zu eutziehen vermochte und in deren anfeuernder oder hemmender Einwirkung vor allem das Geheimniß ſeiner Herrſchaft über die Schüler, ſeiner Erfolge als Erzieher lag. Der tiefe ſittliche Ernſt, der ſeine ganze Erſcheinung und die Art, wie er ſeine Pflichten auffaßte und treu erfüllte, durchdrang, wirkte beſtimmend und bildend auf den Schüler, auf ſeine Geſinnung, ſeinen Willen, ſein Handeln. Denn vor allem galt es ihm nicht nur um Anregung der Gemüther, ſondern um poſitiven Erfolg, um die Erziehung zu ernſter Arbeit, um praktiſche Tugend, Weckung des Pflichteifers, des Gefühles der Unterordnung und des Nationalbewußtſeins.Schaffet, ruft er ſeinen Schülern bei der Schlußfeier am 24. Septbr. 1874 zu,daß einſt die Geſchichte erzählen kann: Auch die zweite Generation hat, wie die erſte, ihre Pflicht gegen Fürſt und Vaterland, gegen Kaiſer und Reich, gegen die große Miſſion ihres Volkes erfüllt!

Die durch die Jahre und die Erfahrungen des Lebens auch bei ihm geförderte Milde des Urtheils zeigte ſich frühe ſchon in dem ſtets gleichmäßig von ihm allen Schülern gewidmeten Wohlwollen; ſie erſcheint im Zuſammenhang mit ſeinem unerſchütterlichen Rechtsgefühl, das ihm nie geſtattete, eine Verſtimmung überhaupt nachklingen, oder gar Andere entgelten zu laſſen, im innigen Zuſammenhange endlich auch mit dem in ſeinem ganzen Weſen bedingten, ſtets auf das Wohl der Geſammtheit der Schüler, nicht nur auf die Förderung Einzelner gerichteten Streben. So ſtand er, durch das Alter milder geworden, aber im Grunde noch derſelbe unter den Schülern, die mit inniger Liebe und Hochachtung zu ihm emporſahen und einen väterlichen Freund in ihm verehrten. Im vollſten Maße theilten dieſe Gefühle auch ſeine Lehrer. Sie ſchätzten in ihm einen Vorgeſetzten, der in gerechter Würdigung allen Fächern Rechnung trug, der es verſtand, die Individualitäten in ihrer Eigenthümlichkeit zu ſchützen und ſelbſtſtändig ſich entfalten zu laſſen und doch wieder alle ein⸗ müthig zuſammen zu halten, einen Vorgeſetzten von ungewöhnlichen Fähigkeiten, großer Sachkenntniß, ungemein praktiſchem Blick, muſterhafter Pflichttreue, feſtem Charakter, wahrer Bildung des Geiſtes und des Herzens und von der liebenswürdigſten und gewinnendſten Theilnahme für alle ihre Intereſſen.

Einer ſo ungewöhnlich ausgedehnten, raſtloſen und erfolgreichen Wirkſamkeit wurde der Verewigte plötzlich ent⸗ riſſen. Ein unheilbares Herzleiden trat am 16. Februar ſofort in erſchreckender Geſtalt auf. Er erlag ihm am 2. März, nachdem eine vorübergehende Beſſerung ſich leider als trügeriſch erwieſen hatte. Noch auf dem Krankenlager erſcheint er als das Muſterbild des tüchtigen deutſchen Mannes, das er in ſeinem ganzen Leben verwirklicht hat. Nahezu ſeine letzten Worte waren:Ich will meine Pflicht thun bis zum Ende. Faſſen wir zum Schluß ſein Bild in die Worte Hamlet's zuſammen: He was a man, take him for all in all.