27
b. Jahresbericht.
1. Das Schuljahr 1879— 80 wurde am 15. October 1879 mit 970 Schülern eröffnet, wovon 508 der Realſchule I. Ordnung, 259 der Realſchule II. Ordnung und 202 der Vorſchule zugehörten. Die Geſammtzahl der Schüler in der Realſchule und deren Vorſchule betrug 1048.
Nur allzubald nach Wiederaufnahme der Arbeit ſollte tiefe Trauer in der Anſtalt einkehren. Am 16. Februar d. J. erkrankte Director Hermann Lorey und bereits am Nachmittage des 2. März ver⸗ ſchied er ſanft und gottergeben. Der ſchwere Verluſt, den die Schule erlitten hat, wurde von Lehrern und Schülern auf's ſchmerzlichſte empfunden; aber nicht nur die Collegen, mit welchen der Verſtorbene in herzlicher Freundſchaft verbunden war, nicht nur die Schüler, die mit Liebe und treuer Anhänglichkeit ihrem Director und Lehrer zugethan waren, beklagen den Heimgang des trefflichen Mannes, ſondern in allen Schichten der Bevölkerung unſerer Stadt gab ſich die innigſte und allſeitigſte Theilnahme bei dem unerwarteten Hinſcheiden des Verewigten kund. Collegen und Schüler, Alle, die mit dem Entſchlafenen im Leben in Berührung kamen, werden ſein Andenken in treuem Herzen bewahren. Es ſei geſtattet, den der Feder eines Collegen, des Herrn Dr. Ludwig Schäffer, entſtammenden Nekrolog folgen zu laſſen, der in der Darmſt. Zeitung ſ. Z. veröffentlicht wurde.
Am 2. März wurde Hermann Lorey den Seinigen, ſeinem Berufe, unſerer Stadt unerwartet raſch durch den Tod entriſſen. Es war ihm nicht beſchieden, der kaum erreichten glücklichen Erfolge ſeines unermüdlichen Strebens ſich lange zu erfreuen, und die bisher in Spannung erhaltene Kraft ſollte am Ziele plötzlich verſagen. Daß er aber dieſes Ziel erreichte und, wenn auch bejahrt und im ehrwürdigen Schmucke des Alters, doch in voller Kraft von uns ging, iſt erhebend für die Ueberlebenden, in deren Gedächtniß das Bild ſeiner ungeſchwächten Männlichkeit fortdauern wird.
Der Verewigte war geboren den 31. October 1811 zu Gießen, wo der Vater die Stelle eines Großh. Boten⸗ meiſters beim Kirchen- und Schulrath bekleidete. Schon im 7. Jahre verwaiſt, beſuchte er das Gymnaſium zu Gießen über 10 Jahre lang und erhielt im Herbſt 1828 mit einem vorzüglichen Zeugniß die Reife für die Hochſchule. Wie die damals noch friſche Erinnerung an die Freiheitskriege zur Entwicklung der patriotiſchen Geſinnung des Jünglings entſcheidend mit⸗ wirkte, ſo waren auch die Gymnaſialſtudien für ſeine geſammte geiſtige Bildung von der größten Wichtigkeit, beſonders durch den humanen Einfluß des vortrefflichen Pädagogiarchen Hillebrand, zu deſſen Gedächtniß er auch noch in ſpäten Jahren oft dankbar zurückkehrte. Seit früheſter Jugend für die Natur begeiſtert— hat er doch noch in den Jahren 1850—1862 eifrig botaniſirt— widmete er ſich von Herbſt 1828 bis Sommer 1832 auf der Landesuniverſität dem Studium der Forſtwiſſen⸗ ſchaft. Sein ausgezeichneter Fleiß und ſein wiſſenſchaftliches Streben gewannen ihm den Beifall ſeiner Lehrer, der Pro⸗ feſſoren Umpfenbach, Heyer, Hundeshagen, Wilbrand, Weiß, Schmitthenner.
Die ſcheinbare Unmöglichkeit, jemals den begeiſterten Traum von der Einheit des deutſchen Vaterlandes verwirk⸗ licht zu ſehen, brachte ihn 1832 mit ſeinem einzigen, 4 Jahre älteren Bruder zu dem Entſchluß, die Heimath zu verlaſſen. Dieſer Entſchluß iſt glücklicherweiſe nicht ausgeführt worden; aber es war Lorey vergönnt, die Ideale der Jugend, deren Verwirklichung er in der neuen Welt vergebens geſucht haben würde, und an denen er mit heißer Liebe noch im Alter feſthielt, im Vaterlande ſchöner in die Erſcheinung treten zu ſehen, als er es je hatte hoffen dürfen.
Die Brüder verkauften das väterliche Haus, ordneten alle Verhältniſſe und begaben ſich zunächſt zu Verwandten nach Thüringen, wo ſie zu bleiben beſchloſſen, nachdem der ältere Bruder ſich verlobt hatte. Mehr und mehr wurde nun der eigentliche Beruf erkannt, reifte die Neigung zum Lehrfach. Lorey beſtand in Hildburghauſen das meiningiſche Lehrer⸗ examen vom mathematiſch⸗naturwiſſenſchaftlichen Standpunkt und wurde 1840, alſo vor nunmehr 40 Jahren, Hilfslehrer an der höheren Bürgerſchule zu Salzungen. Seit 1843 definitiv angeſtellt, unterrichtete er in Naturgeſchichte, Mathematik, Geographie, Geſchichte, ſowie in dem ſtets von ihm mit Liebe behandelten Zeichnen und endlich im Turnen, worin er ſich zumal in der Folge unter Adolf Spieß unbeſtritten zu einem der einſichtsvollſten, erfahrenſten und erfolgreichſten Lehrer ausbildete.
Als Turnlehrer begann er auch 1844 ſeine Wirkſamkeit an der Real⸗ und höheren Gewerbſchule zu Darmſtadt, in demſelben Jahre, in welchem ſie mit feſtlichem Gepränge ihr neues Haus, das Gebäude der jetzigen techniſchen Hoch⸗ ſchule, bezog. So lernte er die Realſchule faſt in ihrer urſprünglichen Geſtalt kennen; ſie zählte damals nur 4 Klaſſen, gegen 11 Klaſſen, die er 1873 als Director übernahm, gegen 21 nebſt 4 Vorklaſſen mit einer Schülerzahl von über 1000, die er ſelbſt hinterlaſſen hat. Bald den Unterricht auch in wiſſenſchaftlichen Fächern, im Engliſchen, im Deutſchen, in Ge⸗ ſchichte und Geographie übernehmend, wirkte er unter den Directoren Schacht(— 1847), Külp(— 1862), Schäffer(— 1867), Hofmann(— 1873), mit der Anſtalt reifend, deren Wachsthum ſich unter ſeiner Mitwirkung vollzog, in ihre Aufgabe ſich hineinlebend, ſeit dem 15. Juni 1873 als ihr Director.
Hiermit beginnt die Zett ſeines angeſtrengteſten und, hinſichtlich der Kreiſe, auf die es ſich erſtreckte, ſowie der Ziele, die es verfolgte, umfaſſendſten und wichtigſten Wirkens. Unter den beiden vorhergehenden Directoren waren die er⸗
4*


