I. Zweck und Einrichtung der Realſchule.
Bei den wiederkehrenden etwas eigenthümlichen Anforderungen an die Realſchule mag es von Nutzen ſein, wieder einige Worte über Zweck und Ziel und Mittel und Ein⸗ richtung unſerer Schule zu ſagen.
Die hieſige Realſchule iſt zwar mit der techniſchen Schule in demſelben Gebäude, aber von ihr unabhängig, eine ſelbſtändige Anſtalt. Sie hat 6 Klaſſen und nimmt Schü⸗ ler nach vollendetem 10. Jahre in die unterſte Klaſſe auf und entläßt ſie in der Regel mit 16 Jahren. Sie will ihnen, wie das Gymnaſium, jedoch mit theilweiſe verſchiedenen Mitteln eine höhere humane Bildung geben, als ſie die Volksſchule zu geben vermag. Wie aber das Gymnaſium die gelehrten Studien der Univerſität auch als Ziel vor Augen hat, ſo will die Realſchule ihre Schüler zum Eintritt in höhere techniſche Anſtalten oder zum unmittelbaren Uebertritt ins praktiſche Leben der höheren bürgerlichen Berufskreiſe befähigen. Sie wählt daher zur Bildung der geiſtigen Kräfte ihrer Zöglinge vorzugs⸗ weiſe ſolche Lehrſtoffe, deren Kenntniß dem künftigen Techniker, Induſtriellen und Ge⸗ werbsmann zu wiſſen nothwendig iſt und auf deren wiſſenſchaftlicher Grundlage er mit Sicherheit ſich weiter bilden kann. Sie will dabei keineswegs, einem bloßen Nützlichkeits⸗ princip huldigend, für dieſes oder jenes Fach ihre Schüler abrichten. Sie will z. B. nicht dem künftigen Kaufmann das Comptoir und das Magazin erſetzen; ſie will ihn aber mit naturwiſſenſchaftlichen und mathematiſchen und ſprachlichen Kenntniſſen ſo ausſtatten, daß er ſich auf jenem, wie in dieſem bald zurechtfindet, das ſpeciell Kaufmänniſche mit Leich⸗ tigkeit aneignet und im Verkehrsleben mit Gewandtheit zu bewegen lernt. Sie will den Forderungen, welche die Fortſchritte der mathematiſchen und Naturwiſſenſchaften und ihre gewaltige Einwirkung auf Technik und Induſtrie, ſowie die Entwickelung des öffentlichen Lebens gebieteriſch erheben, gerecht werden und in dem Techniker oder Induſtriellen den gebildeten Bürger erziehen, ſieht es aber als ihre höchſte und ſchönſte Aufgabe an, den freien Menſchen zu bilden. Zu freier Menſchenbildung bedarf ſie eines idealen Kernes, von dem aus ſie in den jugendlichen Gemüthern eine ideale und poetiſche Richtung er⸗ weckt und nährt, und ſie hat ihn in Religion, im Deutſchen und in der Geſchichte. Dieſe Lehrſtoffe werden wie die übrigen auf eine Weiſe behandelt, daß die Kräfte des Geiſtes und Gemüthes der Jugend allſeitig angeregt, geübt und harmoniſch gebildet werden, daß ein lebendiges Erfaſſen der höchſten Ideen des Wahren, Guten und Schönen ermöglicht


