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IV. Zur Geſchichte der Anſtalt. (Oſtern 1914 bis Oſtern 1915.)
Das Schuljahr begann Dienstag den 21. April 1914 und wird Samstag den 27. März 1915 ſchließen. Während der erſten Monate glich es im Beharren wie im Wechſel den früheren Jahren.
Mit Beginn des Schuljahres wurde Herr Profeſſor Dr. Baur zum Direktor des Realgymnaſiums zu Gießen ernannt. Unſer Dank für die guten Dienſte, die er unſerm Gymnaſium in einer mehr als ſechsjährigen Tätigkeit geleiſtet hat, und unſere aufrichtigen Wünſche für eine geſegnete Wirkſamkeit be⸗ gleiten ihn in ſein neues Amt. Seine Stelle an unſerer AÄnſtalt übernahm Herr Lehramtsaſſeſſor Sieg⸗ fried Jacob, der bisher an der Realſchule zu Wimpfen tätig geweſen war.— Zur ſelben Zeit wurde Herr Schulverwalter Avemarie auf ſein Nachſuchen aus dem Dienſt unſerer Vorſchule entlaſſen, um ſich dem Studium der Theologie zu widmen. An ſeine Stelle trat Herr Schulverwalter Ernſt Luckow, bisher im Dienſt der Volksſchule zu Darmſtadt.— Die Herren Lehramtsreferendare Peterſen und Dr. Pfannkuchen wurden am 1. April 1914 zu Lehramtsaſſeſſoren ernannt; ſie blieben als freiwillige Lehrer an unſerer Anſtalt; Herr Dr. Pfannkuchen wurde aber ſchon am 26. Mai 1914 zur über⸗ nahme der Leitung einer Privatſchule bis zum 1. April 1915 beurlaubt.— Am 1. Mai 1914 trat an Stelle des Herrn Kaplan Wilhelm, der zum Pfarrkurat in Rüſſelsheim ernannt worden war, Herr Kaplan Jakob Sieben als katholiſcher Religionslehrer der Vorſchule ein.
Am 1. Juni 1914 wurde Herr Lehramtsaſſeſſor Dr. Weber an das Gymnaſium zu Offenbach verſetzt; an ſeine Stelle trat Herr Lehramtsaſſeſſor Dr. Wilhelm Malzan, der am 20. Juni 1914 zum Oberlehrer ernannt wurde.
Herr Oberlehrer Dr. Ausfeld war von Beginn des Schuljahres bis zum 30. Mai 1915 krank, und wurde von Herrn Lehramtsaſſeſſor Heinrich Schuſter vertreten.— Herr Lehramtsreferendar Dr. Liſtmann war von Anfang Februar bis Ende Mai zu militäriſchen ÜUbungen beurlaubt und vom 19. Kni bis zu den Sommerferien dem hieſigen Realgymnaſium zur Vertretung eines erkrankten Lehrers zugeteilt.
Der Kriegsausbruch brachte uns hohe Freude. Wie ganz Deutſchland in frohem Stolz die Einigkeit und Tüchtigkeit ſeiner Söhne im Ernſtfalle erlebte, ſo durften auch wir mit unſeren Primanern zufrieden ſein, die plötzlich aus Knaben zu jungen Männern geworden waren, Helden— ihrem Willen nach— und Beſchützer aller realen und idealen Güter unſeres Vaterlandes. Am erſten Mobilmachungstag— wir hatten noch Ferien— kamen die Oberprimaner in hellem Haufen zum Direktor; ſie fragten, wann die Kriegsprüfung ſei; ſie wollten alle mit. Der Direktor antwortete:„Das freut mich; Sie können auch in Ihrem ganzen Leben nichts Beſſeres tun als jetzt mit hinausziehen.“ Als am nächſten Tag eine Ver⸗ fügung über die Erntehilfe kam, erließ der Direktor den folgenden Aufruf in den Darmſtädter Blättern: „Liebe Schüler! Mit Freude und Stolz habe ich gehört, daß alle unſere Oberprimaner, die dienſtfähig ſind, dem Vaterland mit der Waffe dienen wollen und, daß manche jüngere Schüler ſich bereits in anderer Weiſe in den Dienſt des Ganzen geſtellt haben. Das Einbringen der Ernte erfordert viele Hände. Wer ſtark genug zur Hilfe iſt, ſoll ſich ſofort auf dem Großh. Kreisamt hier melden. Ich bitte alle, die in dieſer oder anderer Weiſe arbeiten wollen oder ſchon arbeiten, mir mündlich oder ſchriftlich Mitteilung zu machen oder durch ihre Eltern machen zu laſſen.“
Die folgenden Tage waren, ſo wie draußen in der Welt, auch hier in der Schule ſehr bewegt durch die Meldungen zu dieſer Erntehilfe, zu den drei Notprüfungen(Reifeprüfung, Prüfung für Ia, Prüfung für Ib) und durch die Vorbereitungen für dieſe Prüfungen; dazu kam, daß unſere Schulräume vom 3. Auguſt ab zum größten Teil mit Beſchlag belegt wurden für die Mobilmachung des 1. Bataillons des Reſ.⸗Inf.⸗Reg. Nr. 116. In der Turnhalle wurde die 1. und 2. Kompagnie, im Gymnaſialgebäude die 3., 4. und die Maſchinengewehr⸗Kompagnie eingekleidet und ausgerüſtet: acht Tage lang ein höchſt bewegtes Leben..
Mitten in der Unruhe und dem Lärm dieſes Treibens fand am 8. Auguſt die Notreifeprüfung ſtatt, an der 30 Oberprimaner und 1 Unterprimaner teilnahmen, einige ſchon im Drillich⸗-Anzug. Sie beſtanden alle; auf Grund dieſer Prüfung erhielten das Reifezeugnis die folgenden Oberprimaner: Biſch, Engelbach, Haubach, Köhler, Mierendorff, Moeller, Möſer, Müller(Karh), Noack, Sior, von Teichman, Wieſſell, Bernet, Bonte, Hahn, Kullmann, Löſſer, von Lüttwitz, Scherpe, Stamm, Völckel, die als Kriegsfreiwillige in das Heer eintraten, und die Oberprimaner Merck und Schork, ſowie der Unterprimaner Rau, die ſich für die Dauer des Krieges dem Roten Kreuz als Krankenpfleger zur Verfügung ſtellten. Im Januar folgte ihnen als Kriegsfreiwilliger der Ober⸗ primaner Quetſch, der noch nachträglich die Notreifeprüfung ablegen durfte.


