Jahrgang 
1880
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V. Chronik der Anſtalt.

Durch Allerhöchſtes Decret Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs vom 5. November 1879 wurde der ſeitherige Verwalter der Muſiklehrerſtelle am Seminar, Georg Sailer, definitiv als Seminarlehrer angeſtellt und am 10. November 1879 in den Dienſt eingewieſen. Von demſelben liegt folgender Lebensabriß vor:

Ich bin am 19. Februar 1831 zu Ehingen im Königreich Württemberg geboren, wo ich auch meinen erſten Unterricht empfing. Im Jahre 1842 trat ich in das Gymnaſium meiner Heimath und hatte ſchon damals Privatunterricht in der Muſik. Im Jahre 1848 folgte ich einer Einladung meiner Verwandten nach Stuttgart, um vorzugsweiſe Muſik zu ſtudiren. Nach zweijährigem Aufenthalte daſelbſt bezog ich das Conſervatorium zu München. Als ich meine Studien dorten beendigt hatte, erhielt ich 1857 auf Empfehlung des Herrn General⸗ Muſikdirectors Franz Lachner eine Stelle an der Muſikſchule zu Lemberg in Galizien. Zu Anfang der polniſchen Revolution gründete ich daſelbſt eine eigene Muſikſchule. Im Jahre 1865 beſuchte ich wieder meine Heimath und übernahm interimiſtiſch eine Muſtklehrerſtelle in Altſtädten in der Schweiz. Im Jahre 1866 machte ich in Aarau das Staatsexamen als Muſiklehrer und wurde im gleichen Jahre als Muſikdirector, zugleich als Geſang⸗ und Inſtrumentallehrer an der Bezirksſchule in Baden angeſtellt, von wo aus ich am 1. Juli 1878 nach Bensheim überſiedelte, da mir durch Decret Großherzoglichen Miniſteriums des Innern und der Juſtiz, Abtheilung für Schulangelegenheiten, die Stelle als Seminar⸗Muſiklehrer daſelbſt proviſoriſch übertragen worden war. Durch Allerhöchſtes Decret Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs vom 5. November wurde mir dieſe Stelle definitiv übertragen.

Am 10. Juni 1879 wurde von ſämmtlichen Schülern der Anſtalt unter Leitung ihrer Lehrer ein Ausflug nach Frankfurt a. M. ausgeführt, wo der Beſuch des Kaiſerſaales, des zoologiſchen Gartens, des Aquariums und des Städell'ſchen Kunſtinſtitutes, ſowie die Beſichtigung der Stadt eine Fülle von belehrenden und unterhaltenden Anſchau⸗ ungen bot. Die Directionen der betr. Inſtitute und diejenige der Main⸗Neckarbahn hatten auf Anſuchen der Direction Preisermäßigungen eintreten laſſen.

Der Sedantag wurde in der feſtlich geſchmückten Turnhalle durch muſikaliſche, declamatoriſche und rhetoriſche Vorträge der Schüler und eine Feſtrede des Directors gefeiert. Am Nachmittage unternahmen die Schüler klaſſenweiſe mit je zwei oder drei Seminarlehrern Spaziergänge in die Umgegend von Bensheim.

Am 12. September 1879, dem Geburtstage Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs, fand nach dem Beſuche des Gottesdienſtes in der entſprechend gezierten Turnhalle die Feier dieſes Feſtes in der Weiſe ſtatt, daß Seminarlehrer Helm einige Abriſſe aus der heſſiſchen Geſchichte vortrug, welche mit muſikaliſchen und declamatoriſchen Vorträgen der Schüler abwechſelten. Zum Schluſſe brachte der Director nach einer kurzen Anſprache ein dreimaliges Hoch auf den geliebten Landesfürſten aus, in welches Lehrer und Schüler begeiſtert einſtimmten.

Vom 15.18. September 1879 wurde von dem als Prüfungscommiſſion ernannten Seminarlehrcollegium in der Anſtalt die erſte Prüfung der Schulamts⸗Aſpirantinnen pro 1879 abgehalten, welcher Prüfung ſich 22 Aſpirantinnen unterzogen. Der mündlichen Prüfung wohnte Herr Geh. Oberſchulrath Greim als Regierungscommiſſär bei.

Am 16. September 1879 beehrten die Herren Geh. Staatsrath Knorr und Geh. Oberſchulrath Greim die Anſtalt mit ihrem Beſuche und wohnten dem Muſikunterrichte und muſikaliſchen Aufführungen der Zöglinge bei.

Aus Staatsmitteln wurden pro 1879 an 83 Seminariſten Unterſtützungen im Geſammtbetrage von 4300 Mark gewährt. Aus den Zinſen der Wein heim'ſchen Stiftung