Jahrgang 
1936
Einzelbild herunterladen

daß wir überhaupt die Heimat hatten wiederſehen dürfen, da fanden wir unſer Gymnaſium in einem Zuſtand vor, der ſcheinbar beſtimmt ſchien, militäriſche und kriegeriſche Erinnerungen in uns noch eine Zeitlang friſch zu erhalten! Zwar das Schlimmſte war, wie wir uns erzählen ließen, ſchon wieder überwunden, nachdem infolge der Rück⸗ zugs⸗ und Demobilmachungsmaßnahmen im November ſämtliche An⸗ ſtaltsgebäude für Heereszwecke beſchlagnahmt geweſen waren. Das Haupthaus ſelbſt hatte man damals vollſtändig mit Soldaten belegt, ſodaß gerade an dem Tage, an dem der langjährige Direktor Dr. Kie⸗ ſer nach ſchwerer Krankheit in ſeiner Amtswohnung die Augen für im⸗ mer ſchloß(18. 11.), der Unterricht gänzlich eingeſtellt werden mußte. In der Folge wurden in der Schule erfreulicherweiſe aber doch nur die Geſchäftsräume eines Abwicklungs⸗Kommandos eingerichtet, ſo daß auch noch einige Säle für die Wiederaufnahme wenigſtens des halben Unterrichts von Ende November ab freiblieben und ſogar verſchiedenen Klaſſen des Ernſt⸗Ludwig⸗Seminars und der höheren Bürgerſchule für die Nachmittage Gaſtrecht gewährt werden konnte. Doch genug der Einzelheiten! Für den ſtellvertretenden Leiter Prof. Dr. Biel ſind es jedenfalls ſchwere Tage geweſen!

Gegen Oſtern 1919 verfügten wir wieder über alle unſere Räume, und der normale Betrieb wurde aufgenommen unter gründlich ge⸗ wandelten politiſchen und wirtſchaftlichen Verhältniſſen. Im Leben der Schule ſelbſt bildeten noch eine Weile die oft ſtattfindenden Kriegs⸗ reifeprüfungen mit ihren für Feldzugsteilnehmer erleichterten Bedin⸗ gungen eine ſtehende Einrichtung. Im übrigen machte ſich der Geiſt der Zeit, der möglichſt ſtark den Bruch mit der Vergangenheit betonen wollte, in ſteigendem Maße bemerkbar. Veränderte Amtsbezeichnun⸗ gen waren ja ſchließlich nur Aeußerlichkeiten. Aber die Lehrer, und da wieder beſonders die der Geſchichte und des Deutſchen, ſollten doch hin⸗ fort aus einer neuen Grundeinſtellung heraus gegenüber den beſten Ueberlieferungen unſeres Volkes ihres Amtes walten und zu einer neuen Staatsauffaſſung und Seſinnung erziehen helfen; weshalb man u. a. die Säuberung der Bibliotheken von allen den Werken verfügte, die noch irgendwie fürſtliche Größe oder kriegeriſche Tugenden zu preiſen ſich unterfangen hatten! Man ſtelle ſich vor, was ſolcher Zwang für den bedeutete, der ſich in der Zeit der Selbſterniedrigung noch das Ge⸗ fühl für nationale Ehre bewahrt hatte und die niederziehenden Mächte

40