. Als ich im Herbſt des Jahres 1871 als Sechzehnjähriger nach Bens⸗ heim kam, fand ich ein altes, gemütliches Städtchen von ca. 7 000 Ein⸗ wohnern, das durch ſeine glückliche Lage ſofort für ſich einnahm. Ich ſtellte mich dem Direktor vor und meldete mich für die Unterprima. Ich trug damals einen derben Stock. Wenn ich der Direktor geweſen wäre und einen ſo Bewaffneten in großen Schritten auf mein Haus hätte zukommen ſehen, hätte ich ſicherlich einige Bedenken für meine Sicher⸗ heit gehabt. Aber der Direktor war gar nicht ängſtlich, ſondern ſehr liebenswürdig, und als ich ihn bat, ob ich nicht zu einem der Profeſſoren kommen lkönnte, denn ich tannte mich, da ging ein kleines Schmunzeln über ſeine Züge, und er wies mich zu einem älteren Profeſſor, wohin ich mich auch ſofort begab, aufgenommen wurde und bis nach dem Abitur verblieb. In der Aufnahmeprüfung tags darauf wurde ich in die Un⸗ terprima aufgenommen. Dieſer Erfolg, die geradezu liebenswürdige Aufnahme von ſeiten des Direktors, das Gefühl in einer angeſehenen Familie Unterkunft gefunden zu haben, all das löſte die beſten Vorſätze in mir aus. Aber wo war der Vorſatz, nunmehr ein anſtändiger und vor allem fleißiger Schüler zu werden, hingekommen? Bald war er ver⸗ geſſen, die alte Faulheit hatte mich wieder. Ohne die gute Veranlagung eines vorzüglichen Gedächtniſſes, das mir über viele Klippen hinweg⸗ half, hätte ich elend ſcheitern müſſen. Aber deshalb bin ich gerade berufen, euch die üblen Folgen zu großer Faulheit vor Augen zu führen.
Ah! da kommt eine Schar Gymnaſiaſten, die in den bald beginnen⸗ den Unterricht wollen. Jetzt nach 63 Jahren, nachdem ich zum letztenmal die Schulbank gedrückt habe, will ich mit ziemlicher Sicherheit nach der Haltung, dem Blick und den Geſichtszügen die Fleißigen von den Faulen unterſcheiden. Iſt ſchon der Gang des gewiſſenhaften Jungen aufrecht, gerade, ſein Blick offen, ſo unterſcheidet ſich der Faule hiervon durch ſein gedrücktes, ſcheues Weſen, er iſt das perſonifizierte böſe Gewiſſen. Eine geheime Angſt drückt ſich in ſeinen Zügen aus. Nun ſollte man meinen, es gäbe nichts Leichteres, als dieſe Krankheit, wenn dem Patienten die Vorteile klar gemacht ſind, raſch zu heilen! Aber dem iſt nicht ſo. Nur wenn ein liebevoller Lehrer mithilft durch öfteren guten Zuſpruch, iſt Heilung zu erwarten. Aber der Kranke muß vor allem das Gefühl haben, die ganze Mühe iſt ſelbſtlos, nur zu deinem Beſten und Nutzen.
Weiß außerdem noch der Lehrer den Schüler am Ehrgefühl zu packen, ihm die Pflicht der Dankbarkeit den Eltern gegenüber klar zu
11


