Jahrgang 
1900
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beiderseits liegt die sichere Gewähr für die Erreichung der erhabenen Ziele erzieherischer Thätigkeit.

Die Schule ist eine erweiterte Familie und ihre Vorsteher, die Lehrer, sind als Stellvertreter der Eltern die geistigen und sittlichen Berater der ihnen anvertrauten Zöglinge, ihrer Kinder. Die Schule ist aber auch ein staatlicher Organismus, dessen Ziele der Erziehung die Staatsgewalt bestimmt, durch Gesetze regelt und ihren Beamten, den Lehrern, zu gewissenhafter Pflege anvertraut. Somit ruhen auf den Schultern des Lehrerstandes elterliche und staatliche Gerechtsame und sein Amt ist wahrlich dornenreich und ver- antwortungsvoll. 1 1 mn. M.

Welches sind nun aber die idealen Ziele, denen jede Schule nachstreben muss und, so Gott will, das Gymnasium zu Bensheim unter meiner Leitung nachstreben wird?

Das Gymnasium ist berufen durch Lehre und Beispiel, durch Wort und That charakter- feste und gesittete junge Männer heranzubilden, die den Kampf mit dem Leben siegreich bestehen können, die in Kirche, Staat und menschlicher Gesellschaft eine leitende und führende Stelle zum Wohle der Gesamtheit einnehmen sollen, das Gymnasium hat die Aufgabe durch die harmonische Ausbildung der Seelen- und Körper- kräfte der Jugend an seinem Teile die geistige und sittliche Thatkraft unseres deutschen Volkes sicher zustellen.

Also die erste Aufgabe der Bildung, die das Gymnasium vermittelt, ist die Geistesbildung. Es will die geistigen Fähigkeiten der ihr anvertrauten Jugend wecken und entfalten, stärken und stählen; es will durch Aufmerksamkeit und Beobachtung, durch Forschung und Prüfung, durch Auffindung und Anwendung ein Saatfeld befruchten, das hundertfältige Früchte trägt; es will von unklaren Vorstellungen und voreiligem Meinen zu jener lichten Klarheit der Erkenntnis und massvollen Besonnenheit des Urteils emporführen, wie sie griechische Weisheit der doεÆꝝs als a³⸗eiα oder ßo und römische Praxis der opinio als veritas oder prudentia entgegengesetzt hat.

Ist aber so das Gymnasium eine Ringschule, in deren kühlem Schatten nicht durch marktschreierische Reklame und methodisch-didaktische Unfehlbarkeit, sondern durch anspruchslose, still bescheidene und redliche Arbeit die Kräfte des Geistes: Gedächtnis, Ein- bildungskraft, Vernunft, Verstand und Urteilskraft geübt und geschärft werden, so ist es nicht minder auch eine Erbauungsschule, in deren hehrem Gottesfrieden neben dem Denken auch das Wollen und Empfinden, neben der Verstandesbildung auch die Herzens- und Charakterbildung, neben der Erkenntnis auch das Gefühlsleben und der sittliche Wille, neben dem Wissen auch das Gewissen gehegt und gepflegt, gehütet und gewartet werden.

Das unvergängliche Wort der heiligen Schrift:Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden leidet an seiner Seele, die abgeklärte Weisheit des Dichters der Ideale, Friedrich Schiller, die warnend uns zuruft:

Sie geben, ach! nicht immer Glut, Der Wahrheit helle Strahlen: Wohl denen, die des Wissens Glut Nicht mit dem Herzen zahlen,

und die alterprobte Wahrheit des Spruches: Non scholae sed vitae discimus, wir lernen nicht für die Schule, sondern für das Leben, sie müssen auch für uns Lehrer eine ernste Mahnung sein, Kennen und Können,