Jahrgang 
1911
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Im April und Mai 1910 war Herr Oberlehrer Konrad zu einer achtwöchigen Dienstleistung in Darmstadt eingezogen. Zu seiner Vertretung überwies das Königliche Provinzialschulkollegium den Kandidaten des höheren Lehramts Berrn Dr. Schindehütte von der Oberrealschule zu Mar- burg a. L. Er war bis zum 4. Juni hier tätig und wurde dann wieder an die Oberrealschule zu Marburg überwiesen.

Am 13. September 1910 wurde der Oberlehrer an der Realschule Professor Wilhelm Dresen! durch einen unerwartet raschen Tod von langjährigem schweren Leiden erlöst. Er war beinahe 10 Jahre an der Realschule tätig. Ausgestattet mit reichen Gaben des Geistes hätte er unter glücklicheren Umständen ein ausgezeichneter Lehrer sein können. Mit zäher Willenskraft hat er bis kurz vor seinem Tode seinem siechen Körper die Leistungen abzuringen versucht, welche sein! Amt von ihm forderte. Mit aufrichtiger Teilnanme standen Lehrer und Schüler der Anstalt an seinem Grabe.

Da es aus verschiedenen Ursachen nicht möglich war, die erledigte Stelle sogleich wieder zu besetzen, wurde mit der Verwaltung derselben für das Winterhalbjahr der Kandidat des höheren Lehramts Herr Dr. Henkel aus Hanau, zuletzt am Kgl. Gymnasium in Fulda, vom Kgl. Provinzial- schulkollegium beauftragt. Leider wurde Herr Dr. Henkel noch vor Schluss des Schaljahres zu einer achtwöchigen militärischen Uebung eingezogen. Doch konnte er durch das Entgegenkommen seiner militärischen Vorgesetzten mit viertägigem Urlaub an der am 20. März d. Js. abgehaltenen mündlichen Schlussprüfung teilnehmen.

Den beiden Herren, welche im Laufe des Schuljahres als Vertreter an der Realschule tätig waren, schuldet die Anstalt für ihre gewissenhafte und erfolgreiche Tätigkeit aufrichtigen Dank.

Der Gesundheitszustand der Lehrer und Schüler war im ganzen recht gut.

Das Schuljahr begann mit der Aufnahmeprüfung am 4. April 1910 und wird am S. April 1911 schliessen. Die Pfingstferien dauerten vom 14. bis 18. Mai, die Sommerterien vom 9. Juli bis 9. August, die Herbstferien vom 2. bis 17. Oktober, die Weihnachtsferien vom 24. Dezember 1910 bis zum 6. Januar 1911.

Wegen zu grosser Hitze wurde der Unterricht geschlossen am 6., 7., 9. und 10. Juni 1910 von vormittags 11 Uhr ab.

Am 2. Juni fanden die gewohnten Schulausflüge statt. Sie führten die Schüler der VI und V in das Waldecker Talsperrengebiet bis nach Berich, die der IV und III zur Weidelsburg b. Naumburg; die Schüler der II und I wanderten über Giessen zur Landsburg, von wo die Rückreise mit der Eisenbahn von Bahnhof Schlierbach ab erfolgte.

Hier mag erwähnt werden, dass es im Sommer 1910 auch zur Gründung einer Ortsgruppe des Wandervogels D. B/ an der Realschule kam, der besonders in den Sommer- und Herbst- ferien unter der aufopfernden Leitung der Herren Wollenhaupt und Köster einige weitere Wander- ungen in das Siegerland und Waldecksche Upland unternahm, von welchen die jugend- lichen Wandergenossen reichen Gewinn für ihre körperliche und geistige Entwicklung heimbringen konnten. Es ist zu wünschen, dass diese durchaus gesunde Bewegung sich kräftig weiter ent- wickle. Unsere heranwachsende Jugend beiderlei Geschlechts bedarf solcher freieren Be- tätigung heute dringender als jemals. Die Voraussetzung für eine nutzbringende Teilnahme an dem Wandervogelleben bildet natürlich die gewissenhafte Erledigung der Schulpflichten. Mögen die Eltern von der Erfüllung dieser Bedingung ihre Erlaubnis zum Beitritt und zum Verbleiben ihrer Söhne im Wandervogel abhängig machen; mögen sie aber vor allem lebhafter als bisher durch eigene Beteiligung der guten Sache Halt und Ansehen verleihen helfen!

Am 24. und 25. Juni 1910 hatte sich die Realschule eines Besuches des Herrn Provinzial- schulrates Dr. Wassner aus Cassel zu erfreuen, der an einigen Vormittagsstunden dem Unterricht in verschiedenen Klassen beiwohnte. Uebrigens ging das Dezernat über die Realschule schon im Herbste d. J. aus den Händen des nach Berlin berufenen Herrn Provipzialschulrats Dr. Wassner in die des neu ernannten Herrn Provinzialschulrats Kanzow über.