Aufsatz 
Festspiel zur Einweihung des neuen Hauses der Viktoria-Schule und des Lehrerinnen-Seminars in Darmstadt / Dichtung von C. Keil, Musik von W. Petr
Entstehung
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Am Anfang der Entwickelung ſtanden die höheren Töchterſchulen, eine Art weiblicher Realſchulen, wie die Volksſchulen unter der direkten Aufſicht der kirchlichen Behörden; dem Stadtvorſtand wurde gewöhnlich die Stellung des Schullokales, die Heizung und ein Teil der Lehrerbeſoldungangeſonnen, die Oberaufſicht führte der Schulvorſtand, der Kirchen⸗ oder Schulrat, der Kreisrat, ſpäter die Kreisſchulkommiſſion, das Konſiſtorium proteſt. Teils und ſchließlich das Miniſterium.

Daß die Schulen anfangs unter der Aufſicht der Geiſtlichkeit ſtanden, darf uns nicht Wunder nehmen; ſie teilten dies Schickſal mit den Volksſchulen, weil ſie als ſolche, wenn auch als eine Art höherer Volksſchulen betrachtet wurden, und weil die Lehrerſtellen die Anfangsſtellen für die befähigteren jungen Theologen bildeten. Ein ungewöhnlich hoher Prozentſatz dieſer Kandidaten der Theologie, welche als Freiprediger und Mitprediger Mädchenſchulen, d. i. Schulklaſſen, vorſtanden, wurde ſpäter auf hervorragende Poſten berufen.

Wenn dieſer Einfluß der Kirche nach und nach beſchränkt, die Schulen mehr und mehr der weltlichen Behörde unter⸗ ſtellt wurden, die Lehrkörper heutzutage bei 10 bis 20 Klaſſen nur noch 1 Theologen, der der Hauptſache nach Religions lehrer der Oberſtufe iſt, zählen, ſo teilten die höheren Mädchenſchulen dieſes Schickſal mit den übrigen höheren Schulen. Daß die katholiſche Kirche ihren Einfluß auf das Mädchenſchulweſen zähe feſtgehalten hat, erreichte ſie hauptſächlich durch die Errichtung der Inſtitute der engliſchen Fräulein in Mainz, Darmſtadt, Alzey, Worms, Bensheim u. ſ. w., die man als konfeſſionelle 7 9 klaſſige Schulen bezeichnen kann, in welchen das Lehrperſonal der Hauptſache nach aus Lehrerinnen beſteht.*)

Hand in Hand nun mit der Verminderung der Theologen als Lehrer und der Beſchränkung derſelben auf eine Lehrerſtelle ging die Einführung der akademiſch gebildeten Fachlehrer, meiſt Neuphilologen, Mathematiker und Natur⸗ wiſſenſchaftler die Vermehrung der ſeminariſtiſch gebildeten Lehrer**) und die Vermehrung der weiblichen Lehrkräfte. Während Damen vor 50 Jahren nur als Handarbeitslehrerinnen, Geſanglehrerinnen und als Lehrerinnen der franzöſiſchen Konverſation hilfsweiſe verwendet wurden und einen geringen Anteil an dem viſſenſchaftlichen Unterricht und der Erziehung der Mädchen hatten, iſt gegenwärtig, beſonders nach der Gründung des Lehrerinnen⸗Seminars im Jahre 1877, die Anzahl der Damen, welche an den höheren Nädchenſchulen in allen Fächern unterrichten, bedeutend geſtiegen, und zwar ſo ſtetig, daß wohl anzunehmen iſt, daß der Prozentſatz ſeinen Höhepunkt noch nicht erreicht hat. Zugleich muß der ſchroffe Gegenſatz auffallen, der ſich in der Vorbildung der Lehrerinnen vor 70 Jahren und der von heute zeigt. Prüfungen abzulegen hatten dieſe Lehrerinnen von damals ſelbſtverſtändlich keine Gelegenheit, vielfach erteilte die aus Frankreich oder der Schweiz eingewanderte Ausländerin oder eine Deutſche, die der franzöſiſchen Sprache zufällig mächtig war, den Unterricht in Handarbeiten und der franzöſiſchen Konverſation; dieſe Franzöſinnen finden wir im Anfang dieſes Jahrhunderts durch ganz Deutſchland, und es mag hier, wie auch vielfach anderwärts vorgekommen ſein, daß Damen als Lehrerinnen verwandt wurden, auf die Nöldekes Bemerkung paßt***):Die wenigen Stellen für Lehrerinnen wurden häufig noch als Verſorgungspoſten angeſehen oder auch wohl zu dieſem Zwecke geſchaffen. Bonnen aus vor⸗ nehmen Häuſern wurden Lehrerinnen des Franzöſiſchen, Witwen oder unverſorgte Töchter von Ratsverwandten wurden Handarbeitslehrerinnen oder Anſtandsdamen. Wie ganz anders ſtellt ſich heutzutage die Vorbildung, Ausbildung und Weiterbildung der Lehrerin, nicht nur der ſogenannten viſſenſchaftlichen Lehrerin, ſondern auch die der techniſchen. Wenn auch das im heſſiſchen Volksſchulgeſetz vom Jahre 1874 vorgeſehene Volksſchullehrerinnenſeminar nicht ins Leben getreten iſt, ſo haben doch Damen Gelegenheit, im Großherzogtum Heſſen Prüfungen als Turnlehrerinnen(im Anſchluß an Kurſe in Darmſtadt) und Handarbeitslehrerinnen(das letztere im Anſchluß an Kurſe in den Aliceſchulen) abzulegen, ganz abgeſehen von der nach Zjährigem Beſuch des Seminars abzulegenden Prüfung für das höhere Lehrfach und der an den Volksſchullehrerſeminaren abzulegenden Prüfung für Volksſchulen. In dem ſtetigen Wachſen unſeres Seminars und deſſen weiterem Ausbau liegt ein beachtenswerter Wink für die Erfüllung des dringenden Wunſches der Lehrerinnen, auch im Großherzogtum Heſſen die Gelegenheit für eine über die Seminarbildung hinausgehende Weiterbildung zu erhalten. Daß die Stellung der Lehrkräfte an unſeren 5 höheren Mädchenſchulen derjenigen der an den übrigen höheren Schulen angeſtellten faſt durchgehend vollſtändig gleich iſt, daß Lehrer und ordentliche Lehrerinnen vom Staate penſioniert werden, iſt bekannt, verdient aber als erfreulicher Beweis der Fürſorge unſerer Regierung beſondere Erwähnung.

Was die Schülerinnen von damals und jetzt anbelangt, ſo fällt uns zunächſt die Verſchiebung in der Alters- grenze nach oben auf. Während die Unterrichtszeit im Anfang des Jahrhunderts nicht weit über das 14. Lebensjahr

*) Es iſt zu bedauern, daß von dieſen zum Teil recht großen Anſtalten keine öffentlichen jährlichen Schulberichte herausgegeben werden. Das Frankfurter Inſtitut der engl. Fräulein thut dies. Vergl. Nöldeke, Feſtſchrift S. 14. **) Das Seminar für Volksſchullehrer wurde in Friedberg 1819 errichtet; an ihm wie an den Seminaren zu Alzey und Bens⸗

heim finden Prüfungen der Aſpirantinnen für Volksſchulen abwechſelnd jährlich ſtatt. **) Nöldeke, Feſtſchrift S. 26.

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