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Schilderung der Entwickelung des Schulweſens in Offenbach über die Gründung und den weiteren Ausbau der dortigen höheren Mädchenſchule genau unterrichtet ſind, können wir uns hier beſchränken, auf das verdienſtvolle Werk des ver⸗ ſtorbenen Leiters der Schule hinzuweiſen*) und nur das Wichtigſte aus dem erſten Programm der Schule vom Jahre 1854 herauszugreifen. Zwar war in Offenbach ſchon in den zwanziger Jahren das Bedürfnis nach einer höheren Mädchenſchule betont worden, doch kam es nicht zur Ausführung der Pläne. Privatlehranſtalten genügten, bis ſich im Jahre 1852 eine größere Anzahl Bürger an den Stadtvorſtand wandte und die Errichtung einer höheren Töchterſchule verlangte. Die Bürgermeiſterei ließ von dem damaligen Direktor der Realſchule Dr. Schaumann einen Plan ausarbeiten, der von dem Großherzoglichen Miniſterium des Innern am 15. März 1853 genehmigt wurde. Direktor Schaumann leitete die Schule bis zum Jahre 1859; von da ab entwickelte ſich dieſelbe zur 10 klaſſigen höheren Mädchenſchule unter der Leitung ihres verdienten Direktors Dr. Sommerlad bis zum Jahre 1895.
Unter den Lehrfächern finden wir bei Gründung der Schule Franzöſiſch, welches auch in den für die weiblichen Handarbeiten und für die Nachhülfe beſtimmten Stunden vorzugsweiſe zur Unterhaltung benutzt wurde, Engliſch in den beiden oberen Klaſſen, Naturlehre, Zeichnen und Turnen neben den übrigen Fächern vertreten. Religion wurde nur für die evangeliſchen Kinder in der Schule erteilt. Handarbeiten waren mit 7—9 St. wöchentlich bedacht. Die Lehrſtunden nahmen die Kinder täglich von 8—12 und von 2—5 Uhr in Anſpruch. Nur Samstags war die Schule nachmittags geſchloſſen, und die jüngeren Schülerinnen der vierten Klaſſe konnten im Winterhalbjahr täglich um 4 Uhr entlaſſen werden. Wir finden alſo hier eine unverhältnismäßig hohe Maximalſtundenzahl von 39 Stunden die Woche wie in Darmſtadt.
Das Schulgeld betrug wie an der Realſchule in allen Klaſſen 24 fl. jährlich.
Für die beſondere Beaufſichtigung in den ſogenannten Abendſtunden wurde ein weiteres Honorar von 10 fl. jährlich berechnet. Dieſe Abendſtunden dienten hauptſächlich der Vorbereitung; ſie ſollten den Schülerinnen Gelegenheit bieten„ſich auch nach beendigtem Schulunterrichte des erziehlichen Umgangs der Lehrer oder Lehrerinnen noch weiter zu erfreuen und ihre Beaufſichtigung teils auf belehrenden Spaziergängen, teils bei Ausarbeitung ihrer Schulaufgaben zu genießen“.
In Offenbach ſchwebte alſo, wie in Gießen und teilweiſe auch in Darmſtadt, bei der Errichtung der höheren Mädchenſchule den maßgebenden Perſönlichkeiten eine Realſchule für das weibliche Geſchlecht als Ziel vor, wie dies ſchon 1771 in den für die Kurfürſtlich Mainziſchen Staaten berechneten Verbeſſerungsvorſchlägen des Joh. Joſ. Steigenteſch**) ausgeſprochen worden war, der am Schluſſe ſeiner Vorſchläge bemerkt:
„§ 152. Bei alle dieſem wäre das Erwünſchlichſte, wenn man, in der weiblichen Schule auch für die Sittenlehre und andre wiſſenſchaftlichen Kenntniſſe Weibsperſonen, ſtatt der Männer, zum Lehramte rufen könnte. Viele Hundert Köpfe und Herzen des männlichen Geſchlechtes ſind ſchon oft von tugendhaften und klugen Müttern, Muhmen, Schyeſtern, und ſogar auch von Gattinnen, mit beſter Wirkung gebildet worden— warum ſollten ſich alſo Weibsperſonen nicht am beſten dazu ſchicken, junge Geſchöpfe ihres eigenen Geſchlechtes zu bilden? Es würde von ihnen die Lehre mit mehrerer Neigung angenommen, auf eine dem Geſchmacke dieſes Geſchlechtes angemeſſenere Weiſe eingeflößet, überhaupt aber auch mit größerer Gedult ertheilet werden. Allein da ſich gegenwärtig in Bildung der Lehrmeiſterinnen, nicht zwar aus Mistrauen gegen die weibliche Fähigkeit, ſondern aus anderen Rückſichten verſchiedene Schwierigkeiten hervorthun, ſo iſt die Zeit zu erwarten, in welcher die, indeſſen von Männern gebildeten, Mädchen in den Stand kommen, für ihr Geſchlecht nützliche Schullehrerinnen zu werden.— Dieſes iſt es, was von Verfaſſung der weiblichen Realſchule zu erwähnen für nothwendig ſchien.“
Dieſer Forderung, weibliche Lehrkräfte zu verwenden, war in Offenbach Rechnung getragen; denn die Zuſammen⸗ ſetzung des Lehrerperſonals weiſt im Jahre 1853 außer 5 Lehrern, die teilweiſe Lehrer der Realſchule waren, 4 Lehrerinnen auf, von denen drei nicht nur Unterricht in Handarbeiten und Franzöſiſch erteilten, ſondern denen auch der Unterricht in deutſcher Sprache, Geographie, Rechnen, Schönſchreiben und Leſen übertragen war.
In dem von der Stadt Offenbach angekauften und zur Schule hergerichteten Hauſe, welches von einem großen Spielplatz und Garten umgeben war, wohnten außer dem Direktor auch zwei Lehrerinnen.
Die Schule entwickelte ſich unter der Leitung des am 3ten Januar 1859 als erſter Lehrer und Dirigent der höheren Töchterſchule eintretenden Reallehrers Dr. Sommerlad verhältnismäßig raſch; am 12ten Juni 1873 finden wir
*) Sommerlad, F. W. Geſchichte des öffentlichen Schulweſens zu Offenbach a. M. 1892. S. 187 ff. **) Vergl. Meſſer, Dr. A., in der Beilage zum Programm des Großh. Gymnaſiums zu Gießen 1897/98 S. 17.§ 140—152. 8


