Aufsatz 
Festspiel zur Einweihung des neuen Hauses der Viktoria-Schule und des Lehrerinnen-Seminars in Darmstadt / Dichtung von C. Keil, Musik von W. Petr
Entstehung
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VI. Die Schweſteranſtalten in Gießen, Offenbach, Worms und Mainz.

Zum Schluſſe werfen wir einen kurzen Rückblick auf die Entwickelung der Viktoria⸗Schule und ziehen zum Vergleich die Entwickelung der 4 übrigen öffentlichen höheren Mädchenſchulen des Großherzogtums heran. Wir ſahen, daß die erſten Anfänge der Viktoria⸗Schule in der im Jahre 1783 eingerichteten erſten Mädchenſchule zu ſuchen ſind, neben dieſer erſten Mädchenſchule entſtanden andere, die alle über das Ziel der heutigen Volksſchule nicht hinausgingen. Im Jahre 1829 wurden 2 dieſer Schulen ausdrücklich als höhere mit höherem Schulgeld und weiterem Ziel ausge⸗ ſchieden, eine dritte Schule diente dieſen beiden Schulklaſſen als Vorſchule, ſo daß wir von einer 3klaſſigen Mädchen⸗ Schule reden konnten. Dieſe Zklaſſige Schule entwickelte ſich bis zum Jahre 1861 zur Iklaſſigen und bis zum Jahre 1876 zur 10 klaſſigen öffentlichen höheren Mädchenſchule, die Jahre 18761898 fügten das Lehrerinnenſeminar mit 3jährigem Kurſe hinzu.

Ganz ähnlich entwickelte ſich aus der Volksſchule die höhere Mädchenſchule zu Gießen. Doch fällt ihre Ent⸗ ſtehung ſpäter. Im Jahre 1839 beſtanden in Gießen folgende ſtädtiſche Schulen:

1. die 1. Knabenſchule mit 78 Schülern

2. 2. 75 3. 1. Mädchenſchule mit 113 Schülerinnen 4. 2 116

5.Elementarſchule 130 Kindern(Knaben und Mädchen)

6.Freiſchule mit 52 Knaben und 48 Mädchen, außerdem beſtand neben dem Gymnaſium eine Realſchule, für die ein neues Gebäude vorgeſehen wurde(jetzige Bürger⸗ meiſterei). In einem Vortrag*) führte damals der Referent Dr. Engel aus:

Die erſte Mädchenſchule muß für die Zukunft, was zum Theil jetzt ſchon der Fall iſt, ſo umgebildet werden, daß ſie als eine höhere Bürgerſchule erſcheint, und diejenigen Eltern, Staatsdiener ſowohl als Bürger, welche ihren Kindern eine höhere Ausbildung geben wollen, als in der gewöhnlichen Schule erzielt werden kann, Gelegenheit finden, ihre Abſicht zu erreichen, ohne daß ſie ſo bedeutende Koſten aufwenden müſſen, als jetzt der Beſuch von Privatinſtituten erfordert; kurz ſie muß ſo eingerichtet werden, daß ſie das für die Mädchen wird, was die Real ſchule für die Knaben iſt. Die Zahl der die zweite Mädchenſchule beſuchenden Kinder belief ſich 1836, wo die Elementarſchule errichtet wurde, mehrmals auf 230 240 Kinder vom 6.11. Lebensjahr. Alſo auch in Gießen iſt die unglaubliche Überfüllung der Schulklaſſen der Grund und nächſte Anſtoß zur Ausſcheidung höherer Mädchen⸗ ſchulklaſſen. Auch in Gießen wurde in der Volksſchule im Gegenſatz zu den Freiſchulen Schulgeld bezahlt und zwar (1839) in der erſten Mädchenſchulevierteljährig 35 kr. Schul- und Holzgeld, und in der zweiten Mädchenſchule viertel⸗ jährig 30 kr. Schul⸗ und jährlich 40 kr. Holzgeld; in der Elementarſchule bezahlen die Knaben vierteljährig 8 kr. Schul⸗ und jährlich 45 kr. Holzgeld und die Mädchen vierteljährig 30 kr. Schul- und jährlich 40 kr. Holzgeld.

Am 3. Februar 1840 wird in der Gemeinderatsſitzung beſchloſſen, die erſte und zweite Mädchenſchule zu ver⸗ beſſern(d. h. die erſte zu einer höheren Töchterſchule zu erheben), die dritte zu errichten und die Elementarſchule beſtehen zu laſſen, ferner zwei neue Schulſäle im neuen Schulhaus(in der Schulſtraße dem Schlachthaus gegenüber, deſſen Mauer, um beſſeres Licht zu erhalten, weiß getüncht werden mußte), alſo in allem 4 Schulſäle für die drei Mädchenſchulen und die Elementarſchule, außerdem zwei Stübchen und mehrere Kammern für den Schuldiener herzuſtellen. Man hatte alſo hier von Lehrerwohnungen im Schulhauſe aus Mangel an Raum Abſtand nehmen müſſen.

Am 22. Juni 1841 hob Dr. Engel in der Gemeinderatsſitzung hervordie neu ins Leben gerufene Höhere Töchterſchule erheiſche mit Nothwendigkeit eine Vorbereitungsſchule, welche aus zwei Abtheilungen zu beſtehen habe, für welche und zwar für die obere, in der zugleich Anfangsunterricht in den weiblichen Handarbeiten, in franzöſiſcher Sprache ſowie im Zeichnen zu ertheilen ſein dürfte, ein jährliches Schulgeld von 14 fl. und für deren untere Klaſſe 12 fl. zu beſtimmen ſeyn. 3

*) Vortrag des Gr. Kirchenrats, Dr. Engel, betr. die Organiſation des hieſigen Schulweſens, insbeſondere die Mädchenſchule. (Akten der Bürgermeiſterei Gießen, die uns in zuvorkommendſter Weiſe von Herrn Oberbürgermeiſter Gnauth zugänglich gemacht wurden.)