Aufsatz 
Festspiel zur Einweihung des neuen Hauses der Viktoria-Schule und des Lehrerinnen-Seminars in Darmstadt / Dichtung von C. Keil, Musik von W. Petr
Entstehung
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über die Stimmung, die bei der Errichtung des Lehrerinnenſeminars unter den erſten Seminariſtinnen herrſchte, berichtet nach eigener Anſchauung eine frühere Schülerin:

Mit recht bangen Gefühlen ſah ich und wohl auch meine Mitſchülerinnen dem Schlußexamen der erſten Klaſſe, das, wenn beſtanden, uns erſt die Berechtigung zum Eintritt in die II. Seminarklaſſe gab, entgegen, und voll freudiger Erwartung vereinten wir uns dort mit einer ſtattlichen Zahl, etwa 36, auf andern hieſigen und auswärtigen Schulen, zum Theil auch noch auf privatem Weg vorgebildeter Damen, die alle natürlich in einer Aufnahmeprüfung über den Stand ihrer Kenntniſſe Aufſchluß geben mußten. Derſelbe war wohl ein recht ungleicher, denn es waren ſolche darunter, die ſchon Sprachkenntniſſe im Ausland erworben hatten und andere, die uns eigentlichen Schulmädchen, die wir bis dahin geweſen, an Reife des allgemeinen Urtheils überlegen waren.

Ich ſtehe noch heute unter dem lebendigen Eindruck, daß ein friſcher, kräftiger Arbeitsgeiſt mit in die neue Seminarklaſſe einzog; jede Schülerin bemühte ſich, das geſteckte Ziel ſo gut als möglich zu erreichen. Aber über dem ernſten Arbeiten, dies gleichſam vertiefend und beſchwingend, wuchs in den jugendlichen Herzen eine helle Begeiſterung empor für das, was die Geiſteshelden der Menſchheit dieſer Unſterbliches gegeben haben. Und heute noch, nachdem ich im praktiſchen Leben gleichſam die Probe auf meine Anſchauungen gemacht habe, erſcheint mir jenes durch den Unter richt im Seminar geweckte Verſtändniß und die dadurch(wieder) genährte Begeiſterung für die idealen Güter des Lebens als das werthvollſte Ergebniß desſelbeu. Denn wie ſollten nicht Stunden, in denen beim Leſen und Erklären pauliniſcher Briefe ſich das Verſtändniß für eine gewaltige chriſtliche Perſönlichkeit regte, oder ſolche, in denen Iphigeniens hehres Menſchenthum, warm und groß erfaßt, lebendig vor unſer geiſtiges Auge geſtellt wurde, Eindrücke in unſern jungen Seelen hinterlaſſen, die mitbeſtimmend für deren Entwicklung wurden.

Für die Anforderungen des naturviſſenſchaftlichen Unterrichts brachten wohl die Meiſten die größten Lücken mit, und es galt, ſo gut es gehen wollte, ſich darüber hinaus zu helfen, hatte man doch damals dieſen Fächern in den Mädchenſchulen nur geringe Beachtung geſchenkt, vielleicht mit Ausnahme der Botanik, in der Einzelne für mich erſtaun⸗ lich bewandert waren.

Was nun die ſpezielle Vorbildung für den zukünftigen Beruf der Lehrerin betrifft, ſo war dieſelbe in dem erſten und einem Theil des zweiten Jahres zunächſt eine theoretiſche.

Dann kamen etwa im letzten halben Jahr vor dem Examen für Jede einige ſogenannte Probeſtunden hinzu, d. h. man mußte, nachdem man zuvor dem Unterricht in einer Schulklaſſe zugehört, nun bei Wiederkehr desſelben Gegen⸗ ſtandes vor dieſelbe hintreten, um in Gegenwart des betreffenden Lehrers oder der Lehrerin und wohl auch der des Direktors zu zeigen, ob und in wie weit man im Stande ſei, das aufgegebene Penſum mit den Kindern zu wiederholen und ein neues anzufügen. Ohne viel Herzklopfen und Angſt verging begreiflicherweiſe ſolch eine Probeſtunde nicht, und manche meiner ehemaligen Mitſchülerinnen, die jetzt als wohlerfahrene Lehrerin mit der ſchwierigſten Klaſſe fertig zu werden weiß, gedenkt wohl noch des geheimen Gruſelns während ihrer Probeſtunden.

Die Räume des Schulhauſes in der Eliſabethenſtraße genügten ſchon 1887 nicht mehr, ſodaß am 12. Oktober 1887, 4 untere Klaſſen in das der Stadt gehörige Haus Nr. 21 Waldſtraße verlegt werden mußten. Dir. Dr. Wulckow ſprach zuerſt im Jahresbericht 1887 den Wunſch und in dem des Jahres 1889 die begründete Hoffnung aus,daß durch den baldigen Neubau eines den Bedürfniſſen der großen Anſtalt entſprechenden Hauſes eine gründliche Beſeitigung der vorhandenen unleugbaren Schwierigkeiten eintrete.

Beſondere Erwähnung verdient der Umſtand, daß die höhere Mädchenſchule mit dem 1. Juni 1884 amtlich den Namen Viktoria⸗Schule zum Andenken an die Vermählung Ihrer Großherzoglichen Hoheit der Prinzeſſin Viktoria mit dem Prinzen Ludwig von Battenberg führen darf. Wie wir ſchon erwähnten, wurde bei der Reorganiſation der höheren Mädchenſchule zu Michaeli 1876 dieſelbe als höhere Schule der Realſchule gleichgeſtellt, ſie reſſortiert ſeit der Zeit direkt von der Schulabteilung Großherzoglichen Miniſteriums des Innern.

Das Kuratorium der Schule beſteht ſeitdem aus 5 Mitgliedern, dem Oberbürgermeiſter und dem Direktor, einem von der Regierung zu ernennenden und 2 von der Stadtverordnetenverſammlung zu wählenden Mitgliedern.

Mit Wirkung vom 1. Januar 1880 wurde die Schule als eine der Realſchule erſter Ordnung gleichzuſtellende höhere Lehranſtalt anerkannt.

Die Notwendigkeit des Neubaues trat mit der ſteigenden Schülerinnenzahl(Oſtern 1890: 613) immer dringender in den Vordergrund. Im JIahresbericht der Schule vom Jahre 1891 klagte der Leiter der Anſtalt:Auch kommt in Betracht, daß die 500 Mädchen, welche unſere Schule aus der Stadt ſelbſt beſuchen, doch ein Recht darauf zu haben ſcheinen, daß ſie ihre Unterweiſung in ſolchen Räumen erhalten, die bezüglich des Lichts, der Luft, der Heizung und