V. 1876 1898.
Die letzte Periode der Entwickelung der höheren Mädchenſchule bringt den Ausbau der 10klaſſigen Schule, die Anerkennung der Anſtalt als höhere Schule, welche zunächſt der Realſchule, dann mit Einrichtung des zweijährigen Seminars dem Gymnaſium gleichgeſtellt wird, den Ausbau des Lehrerinnenſeminars zu einer vom Staate mit jährlich 6000 Mark unterſtützten Zjährigen Bildungsanſtalt für Aſpirantinnen des höheren Lehrfachs und die Errichtung des ſoeben vollendeten herrlichen Neubaus in der Hochſtraße. Da die Ereigniſſe, welche die Schule betreffen, in den ſeit 1878 regelmäßig erſcheinenden Jahresberichten niedergelegt ſind, können wir uns auf die Hervorhebung der Hauptſachen nach deu Jahresberichten der letzten 20 Jahre beſchränken. Am 16. Oktober 1876 wurde der von Danzig berufene Direktor Dr. Richard Wulckow durch Herrn Oberſchulrat Dr. Becker und Herrn Oberbürgermeiſter Ohly in ſein Amt eingeführt. Er widmete beinahe 16 Jahre lang, bis Oſtern 1892, ſeine Kräfte der ſchwierigen Aufgabe, unſerer Schule das feſte innere Gefüge einer höheren 10 klaſſigen Mädchenſchule zu geben, das Lehrerinnenſeminar ins Leben zu rufen und auszubauen und die Anerkennung der Anſtalt als vollentwickelte höhere Schule zu erwirken. Zunächſt mußte ein neuer Lehrplan aufgeſtellt und mehrere tüchtige gut vorgebildete Lehrkräfte berufen werden. Doch laſſen wir ihn ſelbſt reden und verweiſen im übrigen für dieſe neuere Zeit auf die Jahresberichte unſerer Schule.
Er berichtet über das Jahr 1876/77 folgendes:
„Wie der zu Neujahr 1877 ausgegebene, vom Großherzoglichen Miniſterium des Innern, Abtheilung für Schul⸗ angelegenheiten revidirte und genehmigte Lehrplan ergiebt, iſt unſere Anſtalt nach den in der Weimarer September⸗ Conferenz von 1872 aufgeſtellten Principien organiſirt und hat die Feſtſtellungen des allgemeinen Normalplans für deutſche höhere Mädchenſchulen, wie ſie im Jahre 1875 auf der Dresdener Conferenz beſprochen wurden, im Ganzen und Großen ſich zu eigen gemacht.“—
„Als der Unterzeichnete zu Michaelis 1876 die Leitung der Anſtalt übernahm, beſtand dieſelbe aus acht aufſteigenden Claſſen mit jährigen Curſen und zwei ſogenannten Fortbildungsclaſſen, auf denen nur in Sprachen und Realien mit wöchentlich 12—16 Stunden unterrichtet wurde. Es ließ ſich daraus ohne große Schwierigkeit der jetzt beſtehende Rahmen der Schule von 10 aufſteigenden Claſſen mit je einjährigem Curſus herſtellen, ohne die Kinder, welche ohne jede Vorbereitung die Aufnahme in die Schule wünſchten, von derſelben auszuſchließen.“
Durch die Oſtern 1877 eröffnete Mittelſchule für Mädchen wurden zunächſt die Unter- und Mittelklaſſen der neuorganiſierten Schule beträchtlich entlaſtet. Im ſelben Augenblicke wurde auf Anregung der Schulabteilung Großher— zoglichen Miniſteriums des Innern beſchloſſen, ein Lehrerinnenſeminar mit 2jährigem Kurſus an die Schule anzugliedern, deſſen Unterklaſſe am 16. April 1877 mit 33 Damen eröffnet wurde, und zu deſſen Unterhaltung der Staat einen jähr⸗ lichen Zuſchuß von 4000 Mark beyilligte.
Die ungleiche Vorbildung der Seminariſtinnen ließ ſchon 3 Jahre nach der Gründung den Wunſch nach einer Vorbereitungsklaſſe für das Seminar, alſo dem 3jährigen Kurſus, laut werden. Doch blieb es, wie auch anderwärts, zunächſt bei dem Wunſche. Das Seminar mußte wie ähnliche Anſtalten anderwärts damals zwei Ziele verfolgen; es ſollte einesteils für den Lehrerinnenberuf vorbereiten, andernteils aber auch ſolchen Damen, die nur eine über das Schulziel hinausgehende weitere und tiefere Bildung erſtrebten, Gelegenheit geben, wenn auch nur in einzelnen Fächern, weiterzuarbeiten und Anregung zu ſchöpfen; die Hoſpitantinnen machten bis O. 1887 die Hälfte der Geſamtzahl aus. Daß die Errichtung eines Lehrerinnenſeminars ein dringendes Bedürfnis war, ſehen wir aus der Zahl der Damen, welche es beſuchten und derjenigen, die ſich der Prüfung für das höhere Lehrfach unterzogen, es beſtanden die Prüfung in den letzten 20 Jahren:
1878 8 1885 11 1892 16 1879 19 1886 11 1893 14 1880 27 1887 11 1894 14 1881 19 1888 16 1895 22 1882 14 1889 15 1896 35 1883 19 1890 14 1897 39
1884 11 1891 20.1898 32
Zuſammen 387.


