Aufsatz 
Festspiel zur Einweihung des neuen Hauses der Viktoria-Schule und des Lehrerinnen-Seminars in Darmstadt / Dichtung von C. Keil, Musik von W. Petr
Entstehung
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Mutwillen brachte einen um jede Ausſicht auf ein Prämium am Ende des Jahres.(Sogar eine Rute war im Katheder verwahrt und wurde am Anfang des Jahres den neueingetretenen Schülerinnen zur Warnung gezeigt.)

Alle dieſe Erinnerungen knüpfen ſich nur an eine der beiden Abteilungen der Mittelklaſſe. Da jeder Lehrer innerhalb ſeines Reiches ziemlich viel Freiheit hatte, ſo mochte auf der anderen Seite des Ganges manches nicht ganz ſo eingerichtet geweſen ſein. Ebenſo kann ich nur von einer der Oberſtufen berichten und zwar von der im May ſchen Schulhauſe. Dort waren die Bänke ſo aufgeſtellt, daß die eine Abteilung der anderen gegenüber ſaß und der da⸗ zwiſchen befindliche freie Raum auf der einen Seite(am Fenſter) den Katheder, auf der anderen die Staffelei mit Tafel und das Harmonium hatte. Die Wände waren tapeziert. Das Bruſtbild des Stifters(Olbild) hing an der nördlichen Wand. Auch in dem Mayſchen Haus war keine Glocke, doch erinnerte das nahe Glockenſpiel jede Viertelſtunde an die Flucht der Zeit. Im Hofe war ein laufender Brunnen, der aber nur von einem Abfluß des großen Woogs geſpeiſt wurde, weshalb das Trinkwaſſer von dem gegenüber befindlichen Brunnen in einem Steinkrug geholt wurde, der mit einigen Bechern im Schulzimmer ſeinen Platz hatte. Eine Verordnung, daß alle Schülerinnen die Pauſe im Hof zubringen mußten, gab es damals nicht, doch gingen die meiſten gern freiwillig ins Freie. Außer Herrn Göhrs unterrichteten hier 185558 dieſelben Fachlehrer wie in der Mittelklaſſe. Nur die Handarbeitsſtunden waren in den Händen von Frl. Allemand(aus Neuchatel). Wir wurden beſonders im Weißſticken, und in vereinzelten Fällen im Hemdnähen unter⸗ richtet, wobei aber alle mögliche andere Arbeiten erlaubt waren. Frl. Allemand redete uns meiſt franzöſiſch an und veranlaßte uns, auch franzöſiſch zu antworten, kleine Geſchichten franzöſiſch zu erzählen u. ſ. w. Nur wenn ſie bei einer Er klärung nicht verſtanden wurde, oder wenn unſer Betragen eine ernſte Zurechtweiſung herausforderte, ſprach ſie deutſch und zwar vollſtändig richtig. Von ihr erſchmeichelten wir jedes Jahr einen Spaziergang.

An Büchern hatten wir außer denen in der Mittelklaſſe: Palmer, der chriſtliche Glaube und das chriſtliche Leben, Schenkel, Blüten deutſcher Dichter, das außer einer reichhaltigen Sammlung lyriſcher und epiſcher Gedichte einen kurzen Abriß der Poetik und der Litteraturgeſchichte enthielt, und Nöſſelt, Mythologie. In der Religionsſtunde wurde die Kirchengeſchichte beſonders berückſichtigt. Auch mußten einer Verordnung des Konſiſtoriums zufolge, dem die Schulen unterſtellt waren, die Schülerinnen der verſchiedenen Gruppen abwechſelnd die Stadtkirche beſuchen. Für katholiſche und israelitiſche Schülerinnen gab es damals in der Schule ſelbſt keinen beſonderen Religionsunterricht. Sie waren einfach von dem evangeliſchen befreit.

Im Deutſchen erlernten wir den zuſammengeſetzten Satz, gewannen einen Einblick in die Poetik und Litteratur⸗ geſchichte, lernten Schillerſche, Goetheſche, Uhlandſche Gedichte auswendig und bekamen Iphigenie im Auszug vorgeleſen. Der Schwerpunkt lag bekanntlich damals überall in der Litteraturgeſchichte.

In der Geſchichte hatten wir die Neuzeit bis zur franzöſiſchen Revolution, in der Geographie die fremden Erdteile. Karten wurden zu Hauſe gezeichnet und oft recht künſtlich koloriert. Deutſchland wurde wiederholt. In der Naturkunde hatten wir die Mineralien und in der Phyſik die Eigenſchaften der Körper, Naturerſcheinungen, Magne tismus, Elektrizität ꝛc., alles nur mit den Lehrmitteln, die der einfachſte Haushalt bietet.

Im Rechnen kamen Verwandlungsrechnungen, Zinsrechnung ꝛc. Die verſchiedenen Münzen, Maße und Ge⸗ wichte der 36 deutſchen Staaten gaben allein hinreichenden Stoff, doch wurde auch das Ausland in den Kreis der Berechnungen gezogen. Raumlehre ſtand nicht auf dem Lehrplan.

Eine beſondere Stunde war der griechiſchen Götterlehre gewidmet. Von den griechiſchen Sagen erfuhren wir nicht ſonderlich viel.

Der Zeichenunterricht brachte uns ſchattierte Blumen⸗ und Fruchtſtücke, Landſchaften, immer nur nach Vorlagen.

Im Geſang gab es 4ſtimmige Lieder, ſchwere Treffübungen, etwas Theorie. Bei der Konfirmation der Mäd⸗ chen, die damals für die ganze Civilgemeinde am Sonntag Trinitatis ſtattfand, ſangen die Schülerinnen der Oberklaſſe in der Kirche ein Zſtimmiges Lied.

Am 25. Juli wurde jedes Jahr der Todestag des Stifters der Schule, Regierungsrat May, gefeiert. Außer anderen Liedern wurde nach ſeiner letztwilligen Verfügung das Lied:Hab acht auf mich in aller Not geſungen, der Lehrer hielt eine Anſprache, wohl auch einer der geladenen Herren, und zum Schluſſe wurden, auch auf Verfügung des Stifters, an alle Schülerinnen Wecke von beſonderer Geſtalt und an ausgezeichnete Schülerinnen Prämien gegeben, die aus kleinen ſilbernen Gegenſtänden, Fingerhüten, Scheren ꝛc. beſtanden.

Zur Benachrichtigung an die Eltern dienten auch auf dieſer Stufe Sittenbücher in Quartform mit vorge⸗ druckten Bezeichnungen. In dieſe vierteljährlich ausgegebenen Zeugniſſe wurden auch Lob und Tadel, Verſäumniſſe, Ver⸗