Aufsatz 
Festspiel zur Einweihung des neuen Hauses der Viktoria-Schule und des Lehrerinnen-Seminars in Darmstadt / Dichtung von C. Keil, Musik von W. Petr
Entstehung
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Als Bücher waren eingeführt: Geſangbuch, Welkers Spruchbuch, Engels Geiſt der Bibel,(von gedanken⸗ loſen Schülerinnen die Geiſterbibel genannt), Ritſerts deutſche Sprachlehre, Seidenſtückers Elementarbuch der franz. Grammatik, Piſtors Leitfaden der Erdkunde, Nöſſelts Weltgeſchichte, ein Buch für Naturkunde, für Geſang ein Choral⸗ buch und Schneiders Liederbuch. Von Atlanten wurde meiſt der Stielerſche und der Wagnerſche benutzt. Aus einer aus kleinen monatlichen Beiträgen der Schülerinnen gegründeten und erhaltenen Bibliothek wurden uns wöchentlich Bücher geliehen.

Der Religionsunterricht lehnte ſich noch immer hauptſächlich an die bibliſche Geſchichte an, doch lernten wir auch das Kirchenjahr, die Eigenſchaften Gottes und das Wichtigſte aus der Bibelkunde kennen. Im Deutſchen wurde Wortlehre, der einfache und der erweiterte Satz gelehrt und an ſelbſt gefundenen Beiſpielen eingeübt, Gedichte gelernt, durch Diktate die Orthographie geübt; die Aufſätze wurden erſt zu Hauſe entworfen, dann in der Schule vorgeleſen und beſprochen, dann zu Hauſe in das Aufſatzheft eingetragen, von dem Lehrer korrigiert, zenſiert und mit den einzelnen Schülerinnen(meiſt nach der Schule) beſprochen und dann ins gute Heft abgeſchrieben. Die Themata für die Aufſätze wurden nicht alle aus dem unmittelbaren Anſchauungskreis und dem Unterricht entnommen, doch iſt mir weder auf dieſer, noch auf der oberen Stufe ein einziges jener verſchrobenen Themata erinnerlich, wie ſie unſere Witz⸗ blätter ſo gerne der höheren Mädchenſchule nachſagen. Die in der Ritſertſchen Sprachlehre vorkommenden Fremd⸗ wörter wurden, wenn auch nicht ihrer Abſtammung, ſo doch ihrer Bedeutung nach gelernt und in Sätzen angewendet, eine in jener Zeit, wo man eine Menge ſeitdem verſchwundener Fremdwörter nicht entbehren zu können glaubte, durch⸗ aus berechtigte Einrichtung. Im Franzöſiſchen wurde viel aus einer Sprache in die andere überſetzt, die regel mäßigen und manche unregelmäßigen Verben eingeübt ꝛc. Das Schreiben vollſtändiger Verben und Überſetzungen waren die einzigen ſchriftlichen Ubungen. Geſchichte(Mittelalter) und Geographie(Seſſen, Deutſchland, Europa) wurden vorgetragen, manchmal auch Geſchichte aus dem großen Nöſſelt vorgeleſen. Beim Zeichenunterricht wurden kleine lithographierte Vorlagen(auch Privateigentum) benutzt und täglich von einer Schule zur anderen gebracht. Nach Körpern wurde nie gezeichnet. Beim Geſangunterricht übten wir nicht nur eine große Zahl Choräle und weltlicher Lieder 1, 2 und Zſtimmig ein, ſondern unſere Lehrerin bemühte ſich auch, uns die Elemente der Theorie beizubringen. Treff⸗ übungen wurden oft angeſtellt. In der Handarbeitsſtunde hielt Frau Lochmann(aus Lauſanne) ſtreng darauf, daß keine Häkelarbeit, noch weniger Stickerei und dergleichen angefangen wurde, ehe man unter ihren Augen ſelbſtändig ein Paar Strümpfe geſtrickt hatte. Jedes Kind entrichtete monatlich 1 Kreuzer, wofür nach und nach eine ſtattliche Sammlung blau⸗ oder buntgedruckter Häkel- und Straminmuſter angeſchafft wurde. Da Franzöſiſch gelernt werden mußte, ſo wurden wir hier ſchon zum Bilden kleiner Sätze angehalten, wir durften uns gegenſeitig Fragen ſtellen, beſchränkten uns aber meiſt darauf, einen deutſchen Satz zum Überſetzen aufzugeben. Unſere Leiſtungen im Franzöſiſchen waren ſo gering, daß unſere Lehrerin darauf verzichtete, uns beim Erklären oder Ermahnen franzöſiſch anzureden, ſondern ſich eines im Satzbau richtigen, aber in der Ausſprache höchſt originellen Deutſch bediente. Sie hielt ſehr auf Ordnung und Fleiß, und wer ſeine Aufgabe während eines Nachmittags ungenügend löſte, wurde mit Tadel eingeſchrieben. Der Turnunter⸗ richt wurde in der damals neu erbauten ſtädtiſchen Turnhalle am Kapellplatz(Ecke der Niederramſtädter Straße) von Herrn Markwort, einem Schüler von Spieß, abgehalten. Die Geräte mögen wohl dieſelben geweſen ſein, wie noch jetzt. Um den Takt zu leiten, ſang Herr Markwort unermüdlich. Wir lernten einige ſehr hübſche Reigen, zu denen wir Lieder ſangen, die er uns vorgeſungen hatte. Bei manchen Übungen und Reigen hatten wir Kaſtagnetten. Be⸗ ſondere Turnkleidung, wie ſie Spieß urſprünglich gewünſcht hatte, hatten wir nicht. Einmal(1856) wurde eine öffent⸗ licheTurnſchau abgehalten, wohl, um den Eltern einen Einblick in das damals noch manchmal angefeindete Mädchen⸗ turnen zu gewähren.

Die Disziplin wurde auf dieſer Stufe, wenigſtens in unſerer Abteilung, ſehr ſtreng gehandhabt. Das Hauptzuchtmittel war das Zertieren. Der Ausfall jeder ſchriftlichen Arbeit beſtimmte die Plätze. Für Plaudern, eine kleine Vergeßlichkeit ꝛc. rückte maneins herunter. Es gab wohl keinen Tag, an dem nicht ein beträchtlicher Teil der Schülerinnen den Platz gewechſelt hätte. Aber auch welcher Triumph für eine Schülerin, die ein ganzes Jahr den erſten Platz behauptet hatte! Größere Unregelmäßigkeiten, ungenügende Leiſtungen ꝛc. wurden mit Tadel, beſonders gute mündliche oder ſchriftliche Leiſtungen mit Lob in ein großes ſchwarzes Hauptbuch eingetragen und ſorgfältig in den monat⸗ lich ausgegebenen Sittenbüchern aufgezählt. Auch Nachſitzen fand zuweilen ſtatt. Für beſonders ſchwere Fälle gab es Rügeſcheine(von uns gelbe Zettel genannt), die man den Eltern zur Unterſchrift vorlegen mußte, für eine gewiſſe Zahl Lob in einer Woche Belobungsſcheine,rote Zettel, die auch im Hauptbuch vermerkt wurden. Ein ſchriftlicher Tadel wegen

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