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Haus im ſüdweſtlichen Raum des Erdgeſchoſſes untergebracht. Auf der nördlichen Seite wohnte die Witwe des Lehrers Graf, über uns war die Schule des Herrn Müller(Oberklaſſe), auf der nördlichen Hälfte deſſen Dienſtwohnung. Unſer Schulzimmer hatte nach 3 Seiten Fenſter, die Thür war den Schülerinnen gegenüber. Wie ſtark die Klaſſe war, weiß ich nicht mehr, doch ſtanden 2 Kolonnen Subſellien(primitivſter Art) da, die je für 6 Schülerinnen Platz hatten. Da— vor ſtand ein Klavier, das aber faſt nie benutzt wurde, da Herr Fuchs den Geſang mit ſeiner eigenen Geige leitete und begleitete. Schrank und Rechenmaſchine, Tafel mit Schwamm und Kreide vervollſtändigten die Einrichtung. Vor und nach dem Unterricht wurde gebetet, am Morgen auch ein Choral geſungen. Morgens war Unterricht von 8—11 Uhr, an 4 Nachmittagen von 2—4. Um 10 und 3 Uhr war eine Pauſe, zu der jedoch, ebenſo wie zum Anfang und Schluß, keine Glocke ein Zeichen gab. Jeder Lehrer ſchickte ſeine Kinder hinaus und rief ſie nach einiger Zeit wieder. Dagegen hörte man die Glocke des nahen Gymnaſiums. Der Hof war zienlich holperig gepflaſtert, doch tummelten ſich Kleine und Große mit allen möglichen Spielen dort herum. Ein Brunnen mit kleinen Blechbechern verſorgte uns mit Trinkwaſſer und bot Waſchgelegenheit. Wir wurden in der Religion unterrichtet, indem uns bibliſche Geſchichten er— zählt und erklärt wurden, die wir gleich und in der nächſten Stunde nochmals erzählen mußten. Nutzanwendungen, die wir nicht ſelbſt fanden, wurden uns geſagt. Kleine Sprüche und Liederverſe wurden vorgeſagt, von letzteren auch die Melodie gelernt. Auch der deutſche Unterricht, bei dem wir Leſen, die Deklination des Hauptwortes und Steige⸗ rung des Eigenſchaftswortes lernten, kleine Sätze über irgend einen Gegenſtand ſchrieben, ꝛc. wurde oft durch den Geſang eines kleinen Liedes unterbrochen oder mit dem Einüben eines ſolchen geſchloſſen. Fibel und das Leſebuch von Wurſt, ſpäter Geſangbuch, Bibl. Geſchichte, Welkers Spruchbuch und die Rechenhefte von Niepoth waren unſere Bücher. Im erſten Jahr ſchrieb und rechnete man auf Schiefertafeln, ſpäter kamen Hefte(oft mit buntgedruckten Decken und blaß⸗ blauen Linien oder im Hauſe geheftete mit Bleiſtiftlinien) und Federn. Doch geſtattete unſer Lehrer keine Stahlfedern, obgleich er für die meiſten Schülerinnen die Kielfedern ſelbſt ſchneiden mußte. An 2 Nachmittagen erteilte Frau Land⸗ mann, geb. Schwebel, Handarbeitsunterricht, bei dem das Stricken zuerſt an einem Strumpfband, dann am Strumpf gelehrt wurde. Doch war weder gleiches Material vorgeſchrieben, noch war ausgeſchloſſen, daß einzelne Kinder andere Arbeiten, beſonders bunte Kreuzſticharbeiten einfachſter Art von zu Hauſe mitbrachten. Dennoch machte es unſere Lehrerin möglich, uns zuweilen einzelne franzöſiſche Wörter, dann kleine Sätze vorzuſprechen, die wir einzeln oder im Chor nach⸗ ſprachen, natürlich ohne eine Ahnung von deren Orthographie zu haben. Manchmal wurde auch ein Liedchen geſungen, etwa: Schweſtern, laßt uns ſtricken. Die Disziplin war auf dieſer Stufe wohl gut, denn wir hatten alle eine heilige Scheu vor der Schule, und ich erinnere mich nicht, daß entehrende Strafen, wie Eckeſtehen ꝛc. vorgekommen wären, wenn auch hier und auf der Mittelſtufe manchmal ein kleiner Klaps auf die Finger erteilt wurde. Schimpfwörter haben wir nie zu hören bekommen. Auch hat nie ein Lehrer oder eine Lehrerin von uns einen„Annamen“ bekommen, meines Wiſſens kam dieſe Unart überhaupt nicht in Mädchenſchulen vor. Zertieren und Nachſitzen waren ausreichende Zuchtmittel. Monatlich gab es Sittenbücher, die bei den guten Schülerinnen meiſt kurz gefaßt waren„wohlzufrieden“, „zufrieden“, bei anderen die notwendigen Benachrichtigungen an die Eltern enthielten.
In der Mittelſchule(3. bis 6. Schuljahr) kamen als Lehrgegenſtände dann noch Geographie, Geſchichte, Franzöſiſch, Zeichnen(Herr Backofen) und Turnen(Herr Markwort) hinzu. Beim Schreiben waren nun Stahlfedern erlaubt, Ausſtattung und Liniatur der Hefte war meiſt ſehr verſchieden, doch waren die bunten Decken verpönt. Die Ausſtattung der Schulzimmer war ſo beſcheiden wie im Kyritzſchen Hauſe. Das Klavier war ſehr abgeſpielt, von Lehr⸗ mitteln waren ein Globus, Karten von Heſſen, Deutſchland, Europa und die Planigloben vorhanden. Außerdem als Privateigentum unſeres Lehrers eine Tafel mit den Bildniſſen der deutſchen Kaiſer, 4 Buntdruckbogen mit Vierfüßlern, Vögeln, Nutz⸗ und Giftpflanzen, ſowie einige einheimiſche Mineralien und 1 Kokosnuß. Einmal hatten wir Gelegenheit, gegen Entrichten einer Kleinigkeit ein Tellurium von dem umherreiſenden Eigentümer gezeigt und erklärt zu bekommen. Auf Spaziergängen pflegte unſer Lehrer uns ſelbſt das Sonnenſyſtem darſtellen zu laſſen, indem die größte von uns als Sonne ſich in der Mitte um ihre eigene Axe drehte, ſieben weitere die großen Planeten darſtellten, die die doppelte Umdrehung zu machen hatten und die kleinſten als Monde auftreten, während die übrigen, die die Aſteroiden vorſtellen ſollten, meiſt nicht eingereiht wurden, da es inzwiſchen manchen allzu Eifrigen ſchwindelig geworden war. Immerhin ver⸗ dient das bei dieſen Verſuchen zu Grunde liegende Beſtreben, eine Sache anſchaulich zu machen, Anerkennung. Und wenn wir die wohl in allen Mädchenſchulen gleiche Dürftigkeit der Lehrmittel in jener Zeit mit dem Reichtum der jetzt vorhandenen vergleichen, ſo muß man dankbar anerkennen, welchen großen Fortſchritt in der Gunſt der ſtädtiſchen Ver⸗ waltungen und der Behörden die Mädchenſchule ſeitdem gemacht hat.“


